Geschichte: Bahnausbau in spektakulär

Der Bahnausbau zwischen Bamberg und Lichtenfels schreitet voran: Bei Breitengüßbach sind in dieser Woche die letzten Schienenstücke verschweißt worden.

Zug um Zug im Funkenflug

Brei­ten­güß­bach — Und plötz­lich ward die Nacht zum Tag. Meter­weit sprü­hen die Fun­ken durch die kla­re Juli­luft, bit­zeln­des Zischen durch­dringt die für jene vor­an­ge­schrit­te­ne Uhr­zeit geschäf­ti­ge Bau­stel­le. Kurz vor 23 Uhr ist es an die­sem spä­ten Mitt­woch­abend, als die Pro­fis der Gleis­bau­fir­ma Leon­hard Weiss die ers­ten Tei­le der neu­en Wei­che am Bahn­hof in Brei­ten­güß­bach mit­ein­an­der ver­schweißt haben. Lan­ge aus­ru­hen auf ihren Lor­bee­ren kön­nen sich die Arbei­ter aller­dings nicht, schließ­lich war­tet in die­ser Schicht noch eini­ges an Arbeit auf sie. Etwa zwan­zig Mal wer­den sie die­se Nacht kurz­zei­tig tag­hell erschei­nen las­sen.

Rou­ti­niert sitzt jeder Hand­griff bei den bei­den Gleis­bau­ern Andrej Par­kin und Mar­cel Gaul­ke. Sie arbei­ten seit 15 Jah­ren auf dem Gleis­bett, sind schon so etwas wie alte Hasen. Dass in ihrer heu­ti­gen Schicht Foto­gra­fen und Jour­na­lis­ten um sie her­um­wir­beln, sogar eine Kamer­adroh­ne über ihren Köp­fen surrt, stört sie nicht. “Wir haben eigent­lich immer Zuschau­er”, sagt Gaul­ke und lacht. “Pres­se oder Bau­auf­sicht, irgend­je­mand schaut immer zu. Dar­an gewöhnt man sich.”

gro_Ein Spek­ta­kel ist der heu­ti­ge Arbeits­schritt den­noch, zumin­dest für alle Bahn­bau-Neu­lin­ge. So haut­nah erlebt man das soge­nann­te Ther­mit-Schwei­ßen schließ­lich nicht oft; schon gar nicht, wenn je 120 Meter lan­ge Schie­nen­stü­cke peu à peu ein funk­tio­nie­ren­des Wei­chen­sys­tem erge­ben.

War­um aber schwei­ßen die Gleis­bau­er ihre Schie­nen mit­ten in der Nacht zusam­men? Dar­auf weiß der Pro­jekt­lei­ter die­ses Bau­ab­schnitts Hubert Greu­bel eine Ant­wort. “Tags­über ist es im Som­mer schlicht zu warm”, erklärt er. “Die Schie­nen erwär­men sich wegen der Son­ne auf Tem­pe­ra­tu­ren zwi­schen 40 und 60 Grad Cel­si­us.” Das hier ange­wand­te soge­nann­te alu­mi­no­ther­mi­sche Ver­fah­ren benö­ti­ge jedoch eine Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur von 25 Grad Cel­si­us. “Des­halb ist es not­wen­dig, die­se Arbei­ten in die Nacht zu ver­le­gen.” Zwar ist es an die­sem 6. Juli fast schon etwas zu kalt. Aber die Gleis-Pro­fis erwär­men die Schie­ne ein­fach auf die gewünsch­te Tem­pe­ra­tur.

Ziel der mona­te­lan­gen Bau­ar­bei­ten ist es, die Bahn­stre­cke zwi­schen Hall­stadt und Ebens­feld im Zuge des “Ver­kehrs­pro­jek­tes Deut­sche Ein­heit (VDE8 Nürn­berg-Ber­lin)” um zwei Glei­se auf vier zu erwei­tern (Neue Pres­se berich­te­te). Seit 11. Janu­ar ist die Bahn­stre­cke daher für den Ver­kehr gesperrt, ab 4. Sep­tem­ber sol­len die Züge wie­der rol­len.

gro_Bis­her wur­de die zwei­glei­si­ge Tras­se mit allen Über- und Unter­füh­run­gen abge­tra­gen, anschlie­ßend wur­de der Unter­grund für den Aus­bau auf eine vier­glei­si­ge Stre­cke vor­be­rei­tet. Dafür wur­den Hun­der­te Meter an Stütz­wän­den ange­bracht, um die nöti­ge Sta­bi­li­tät zu errei­chen. Neu ent­stan­den sind außer­dem Bahn- und Stra­ßen­brü­cken sowie vier Hal­te­punk­te.

Beein­dru­cken­de Zah­len: Allei­ne für den Neu­auf­bau der bei­den Glei­se zwi­schen Brei­ten­güß­bach und Zap­fen­dorf sind etwa 20 000 Schwel­len, mehr als 40 Kilo­me­ter Schie­nen und acht Wei­chen ein­ge­baut wor­den. Gebet­tet liegt das Gan­ze in 74 000 Ton­nen Schot­ter — das ent­spricht dem Gewicht von etwa 57 000 VW Golf.

gro_Wäh­rend der ers­te äuße­re Schie­nen­strang der Wei­che — die soge­nann­te Backe — schon wie­der abkühlt, berei­ten Gaul­ke und Par­kin die zwei­te vor. Zuerst rich­ten sie die bei­den Enden genau auf­ein­an­der aus, auf den Zehn­tel Mil­li­me­ter darf es kei­ne Abwei­chun­gen geben. Danach brin­gen sie eine Ver­scha­lung an, damit der flüs­si­ge Stahl die Lücke spä­ter punkt­ge­nau aus­füllt. Da hier Tem­pe­ra­tu­ren von bis zu 3000 Grad Cel­si­us herr­schen, schüt­zen die Arbei­ter die Scha­le mit Scha­mott-Erde.

Jetzt star­tet die hei­ße Pha­se: Die Schie­nen wer­den extrem erhitzt und die Ther­mit­mi­schung in einem feu­er­fes­ten Tie­gel gezün­det. Es ent­steht eine Eisen­schmel­ze, die zwi­schen die Schie­nen fließt. Fun­ken­flie­gend schlei­fen die Arbei­ter die über­schüs­si­ge Schmel­ze ab und voilá, die Schie­nen sind lücken­los mit­ein­an­der ver­schweißt. Die Män­ner sind voll kon­zen­triert, denn schon ein kleins­ter Feh­ler kann rich­tig teu­er wer­den und den Zeit­plan ver­zö­gern.

Noch mehr Bilder von der Schweißaktion findet ihr hier.

Da auf die­ser Stre­cke ein­mal ICE-Züge rol­len und Rei­sen­de idea­ler­wei­se in vier Stun­den von Mün­chen nach Ber­lin brin­gen sol­len, ver­baut die Bahn hier Glei­se der höchs­ten Klas­si­fi­zie­rung. “Geschwin­dig­kei­ten von bis zu 300 Kilo­me­ter in der Stun­de sind dann mach­bar”, erklärt Bahn­spre­cher Frank Kniestedt. Dies soll aller­dings erst 2017 pas­sie­ren. In die­sem Jahr gin­ge es erst ein­mal dar­um, den nor­ma­len Ver­kehr recht­zei­tig ab Sep­tem­ber wie­der zum Lau­fen zu brin­gen.

Ob man im Zeit­plan lie­ge? “Wir sind in der Zeit, es ist aber immer span­nend”, ant­wor­ten Kniestedt und Greu­bel uni­so­no. An Tagen wie die­sen, wenn die Nacht genutzt wer­den kön­ne, gin­gen die Arbei­ten gut vor­an. Aber nor­ma­ler­wei­se ist auf den Bau­stel­len inner­halb von Ort­schaf­ten um 22 Uhr Schluss. Wegen der Lärm­be­läs­ti­gung. Nur mit Son­der­ge­neh­mi­gun­gen kön­nen Greu­bel und sei­ne Leu­te die Nacht durch­ar­bei­ten. Aber man­che Arbeits­gän­ge wie bei­spiels­wei­se das Ther­mit-Schwei­ßen machen sol­che Aus­nah­men not­wen­dig.

gro_Zwei­mal rücken die Arbei­ter in die­ser Woche nachts zur Bau­stel­le, denn am Frei­tag­mor­gen sol­len die Schwei­ßun­gen an die­sem Abschnitt abge­schlos­sen sein. Und danach geht die Arbeit wei­ter. Zum einen benö­ti­gen die neu­en Hal­te­punk­te Bahn­stei­ge. Zum ande­ren müs­sen die Ober­lei­tun­gen instal­liert wer­den, damit aus der Bau­stel­le eine funk­tio­nie­ren­de Bahn­stre­cke wer­den kann.

Noch wäh­rend sich die Zuschau­er über das nächt­li­che Far­ben­spiel freu­en, die das Ther­mit-Schwei­ßen erzeugt, zieht der klei­ne Gleis­bau­er-Trupp um Andrej Par­kin und Mar­cel Gaul­ke wei­ter in Rich­tung Bahn­hof Brei­ten­güß­bach, um die rest­li­chen Schie­nen­stü­cke all­mäh­lich zu einem Gleis zu ver­bin­den. Die Män­ner in den oran­ge­far­be­nen Wes­ten und wei­ßen Hel­men ver­schwin­den lang­sam in der Nacht. Aber kei­ne 30 Minu­ten spä­ter wer­den sie den ober­frän­ki­schen Him­mel kurz­zei­tig wie­der tag­hell erschei­nen las­sen.

Bauabschnitt 24 (VDE Nr. 8)

Neubau und Anbau:

Zwischen Hallstadt und Ebensfeld wird die bestehende zweigleisige Strecke auf vier Gleise erweitert. Zu 18 Kilometern Bestand kommen noch vier Kilometer neu dazu.


Unter anderem wird gebaut:

Zwölf Brücken über die Strecke, zwei Überholbahnhöfe, zwei elektronische Stellwerke, 21 Kilometer Schallschutzwände und -wälle, neue Bahnsteige in Ebensfeld, Ebing, Zapfendorf, Breitengüßbach, Hallstadt, Verlegung von zwei Mainschleifen.


BA Breitengüßbach-Zapfendorf:

Ausbau- und Bestandsstrecke werden getrennt, ein neues Gleis wird über die zwei in der Mitte bestehenden Gleise geführt. Die Mainschleife Ebing wird verlegt und die Staatsstraße 2197 erhält an zwei Stellen einen neuen Verlauf.

One comment

  1. Pingback: VDE8: Bahnausbau zwischen Hallstadt und Ebensfeld schreitet voran

Comments are closed.