Auf das Hähnchen gekommen

Herbert Hanna aus Kronach (Oberfranken) betreibt eine Aufzucht für Bio-Masthähnchen. Mehr als 50.000 Tiere verlassen seinen Hof im Jahr und landen auf den Tellern der Gourmets rund um den Frankenwald.

Sie haben am liebs­ten ihre Ruhe. Weil die Küken nicht viel Besuch gewohnt sind, beäu­gen sie zunächst arg­wöh­nisch, wer da plötz­lich in ihr Reich ein­dringt. Nach ein paar Minu­ten stört der Anblick des Foto­gra­fen die jun­gen Mast­hähn­chen aber schon nicht mehr und sie gehen wei­ter ihrer Tages­be­schäf­ti­gung nach: fres­sen. Schließ­lich sol­len die Tie­re des Bio-Land­wir­tes Her­bert Han­na aus Frösch­brunn bald schon gut im Fut­ter ste­hen, um eines Tages auf Tel­lern der Fein­kost­lieb­ha­ber im und um den Fran­ken­wald her­um zu lan­den. Zum Besuch auf den Hanna’schen Hof hat­te der Kro­nacher Bau­ern­ver­band (BBV) ein­ge­la­den.

Etwa 14 000 Hähn­chen leben unter den Dächern der Bio­kreis-zer­ti­fi­zier­ten Anla­ge, die es so im Land­kreis nicht noch ein­mal gibt. Statt knapp zwölf Tie­re wie in der kon­ven­tio­nel­len Zucht tei­len sich bei Han­na etwa sie­ben Zwei­bei­ner einen Qua­drat­me­ter Boden. Nach dem Schlüp­fen in einer Frei­sin­ger Bio­brü­te­rei leben die Küken zunächst für drei Wochen in einem soge­nann­ten Vor­mast­stall. Danach zie­hen die Jung­tie­re in den Haupt­mast­stall um. Der ist mit einem Win­ter­gar­ten ver­bun­den, in dem die Tie­re über Aus­lauf­klap­pen jeder­zeit an die fri­sche Luft gelan­gen kön­nen. Bei guter Wit­te­rung dür­fen sie ins Frei­land, pro Tier ste­hen vier Qua­drat­me­ter Flä­che zur Ver­fü­gung.

Wenn sie das denn wol­len. „Meis­tens zie­hen es die Hähn­chen vor, drin­nen im War­men zu blei­ben“, erzählt Han­na. Nach etwa 70 Tagen haben die Tie­re ein durch­schnitt­li­ches Gewicht von etwa drei Kilo­gramm erreicht. Im Ver­gleich zu den viel klei­ne­ren Schlacht­tie­ren der kon­ven­tio­nel­len Züch­ter dau­ert das im Bio-Bereich mehr als dop­pelt so lan­ge. Um den­noch wirt­schaft­lich arbei­ten zu kön­nen, haben Her­bert Han­na und sein Sohn Alex­an­der im ver­gan­ge­nen Jahr eine zwei­te Stall­an­la­ge bau­en las­sen. „Statt sechs kön­nen wir zwölf Durch­gän­ge vom Küken bis zum Hähn­chen im Jahr durch­füh­ren“, sagt der Land­wirt.

Dass er den 300 Jah­re alten Fami­li­en­be­trieb 2002 bio­zer­ti­fi­zie­ren ließ, hat­te  mit der Pen­si­ons­pfer­de­hal­tung damals vor allem wirt­schaft­li­che Grün­de. „Die Sub­ven­tio­nen waren gut“, erin­nert sich Han­na. Er gibt jedoch zu Beden­ken, dass ein Bio-Sie­gel nicht in Stein gemei­ßelt sei. „Wich­tig ist, dass der Betrieb wirt­schaft­lich läuft“, sagt er. Immer mehr Bau­ern woll­ten sich gegen­sei­tig unter­bie­ten, fin­det Han­na und fragt: „War­um machen wir Land­wir­te uns gegen­sei­tig das Leben so schwer?“. Dass es zukünf­tig nur noch Bio-Betrie­be geben könn­te, schließt er eben­so kate­go­risch aus wie der hie­si­ge BBV-Kreis­ob­mann Erwin Schwarz. „Nur Bio-Land­wirt­schaft wird Deutsch­land nicht ernäh­ren kön­nen“, meint die­ser.

Nur bei Bio-Hähn­chen kann und möch­te es Fami­lie Han­na nicht belas­sen. Auf dem Hof leben 50 Angus­rin­der sowie eini­ge Lamas, neben der Gast­stät­te und der Som­mer­ro­del­bahn betrei­ben sie noch Land­wirt­schaft. „Ich muss wegen der Bio-Auf­la­gen die Hälf­te des Tier­fut­ters selbst erzeu­gen“, sagt Han­na. In einer Bio­müh­le wird die­ses wei­ter­ver­ar­bei­tet und lan­det schließ­lich wie­der in den Schnä­beln sei­ner Hähn­chen. „Rei­nes, nicht gen­ma­ni­pu­lier­tes Bio­fut­ter ist teu­rer als kon­ven­tio­nel­le Ware und stellt den größ­ten Kos­ten­fak­tor in der Mast dar“, erklärt er.

Das Füt­tern erfolgt – wie mitt­ler­wei­le üblich – auto­ma­tisch. In drei gro­ßen Silos lagert das Fut­ter, wo es vor Ver­un­rei­ni­gun­gen etwa durch Mäu­se geschützt wird. Der Com­pu­ter mischt die Kom­po­nen­ten dann je nach Alter der Tie­re zusam­men und her­aus kommt ein Kraft­fut­ter, mit dem die Tie­re schnellst­mög­lich groß wer­den. Pro Kilo­gramm Fleisch benö­tigt Her­bert Han­na etwa zwei­ein­halb Kilo­gramm Fut­ter – im kon­ven­tio­nel­len Bereich liegt die­ser Wert deut­lich dar­un­ter.

Bei aller Lie­be zum Vieh: Ohne öko­no­mi­schen Sinn geht es auch in der öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft nicht. Enge Ter­min­ab­spra­chen mit den Zulie­fe­rern und Abneh­mern sowie der Preis­druck rau­ben selbst der Bio-Land­wirt­schaft den oft ange­dich­tet roman­ti­schen Charme. Des­we­gen muss auch Bio-Züch­ter Han­na schau­en, dass es sei­nen Tie­ren gut geht. Schließ­lich kann er sie nur dann als Qua­li­täts­pro­duk­te ver­kau­fen. Gro­ße Ver­lus­te muss­te er bis­her noch kei­ne hin­neh­men. „Wenn Tie­re ver­en­den, dann meis­tens durch Kan­ni­ba­lis­mus“, so Han­na. Vogel­grip­pe und Co. haben den Frösch­brun­ner bis­her ver­schont. Und das, obwohl sein Bio­ver­band ihm den Ein­satz von bei­spiels­wei­se Anti­bio­ti­ka nur im Aus­nah­me­fall erlaubt. Stan­dard­mä­ßig kom­men homöo­pa­thi­sche Mit­tel zum Ein­satz.

Dass es sich für Land­wir­te loh­nen kann, ihren Hof auf einen öko­lo­gi­schen Betrieb umzu­stel­len, zei­gen die all­jähr­lich stei­gen­den Ver­kaufs­zah­len von Bio-Pro­duk­ten bei­na­he jeder Art. Hin­zu kom­men finan­zi­el­le För­de­run­gen sei­tens des Frei­staa­tes, der Bun­des­re­gie­rung oder der Euro­päi­schen Uni­on. Doch nicht immer schei­nen die­se Mit­tel ihren Zweck zu erfül­len. Nicht weni­ge Land­wir­te stün­den wegen des feh­len­den Nach­wuch­ses vor dem Aus, erklärt Han­na. „Man­che las­sen sich ein paar Jah­re vor der Auf­ga­be des Hofes noch schnell bio­lo­gisch zer­ti­fi­zie­ren, um Gel­der ein­zu­strei­chen“, sagt er. Die Poli­tik agie­re in die­ser Hin­sicht zu oft an der rea­len Situa­ti­on vor­bei.

Han­na appel­liert des­halb, jedem Land­wirt sei­ne Frei­hei­ten zu las­sen. „Bio ist nicht für jeden geeig­net“, sagt Han­na. Er selbst ist über­zeugt von bio­lo­gi­scher Land­wirt­schaft. Zumin­dest so lan­ge sie ihm den Ertrag beschert, den er sich für sei­ne Arbeit erhofft. Eine Tür in Rich­tung kon­ven­tio­nel­ler Arbeit hält er sich aber stets offen.

Erschienen ist der Text am 6. April 2018 in der Kronacher Ausgabe der Neuen Presse Coburg.