Meinung: Bildung schützt vor Torheit nicht

Warum Nachhilfe in Geschichte so vielen gut täte
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Gese­hen auf einer Demo für Tole­ranz in Bam­berg. Foto: groart.de

Suhl / Bam­berg — Wer den Holo­caust leug­net, ist dumm. Wer sich die Nazis zurück wünscht, ver­bre­che­risch dumm. Wer kei­ne Ahnung hat, trifft fal­sche, dum­me Ent­schei­dun­gen. Aber es gibt eine Lösung: Wis­sen hilft.

Die wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin “Geschich­te” erklärt  von der Schu­le bis zur Uni­ver­si­tät gro­ße Ereig­nis­se, Din­ge aus aller Welt, Gescheh­nis­se vom Beginn der Zeit an. Vie­le Men­schen hören des­we­gen nicht hin, füh­len sich nicht ange­spro­chen von den Leh­ren, die aus­rei­chend auf­ge­klär­te Men­schen aus Feh­lern und Fort­schrit­ten ihrer Vor­fah­ren gezo­gen hat­ten. “Geht mich doch alles nichts an”, sagen sie. Daher habe ich einen Tipp:

Offen gesagt war Geschich­te am Gym­na­si­um immer eines mei­ner Lieb­lings­fä­cher. Wir reis­ten durch die Jahr­tau­sen­de und erleb­ten, was den Men­schen Zeit sei­ner Exis­tenz geprägt hat­te und ihn zu dem wer­den ließ, was er heu­te dar­stellt. Stein­zeit, Kar­tha­go, Welt­krie­ge — ganz im Faust’schen Sin­ne lern­ten wir, was die Welt im Inners­ten zusam­men­hält, ähm, hielt.

Noch heu­te habe ich aber das Rau­nen mei­ner Mit­schü­ler im Ohr, immer wenn wir nach der gro­ßen Pau­se zum Geschichts­un­ter­richt schlurf­ten: “Lang­wei­lig!” “Ist doch eh schon ewig her…” “Wen inter­es­sie­ren denn die ollen Kamel­len?!”. Ger­ne maul­ten die lehr­plan­ge­plag­ten Jugend­li­chen. Und im Nach­hin­ein betrach­tet, lagen sie sogar rich­tig. Aber anders, als sie damals viel­leicht dach­ten.

Exkur­se zu Höh­len­ma­le­rei­en, Pyra­mi­den­bau­plät­zen und fran­zö­si­schen Abso­lu­tis­ten sind rich­tig und wich­tig. Viel drän­gen­der aber scheint es mir, regio­na­le Geschich­te und Geschich­ten zu betrach­ten, die noch direk­ter auf das Leben der jun­gen Leu­te Ein­fluss nah­men und neh­men. Das Wort DDR fiel bei uns in der Schu­le eher spo­ra­disch und Ereig­nis­se nach dem Zwei­ten Welt­krieg stan­den nicht so oft auf Tafeln und Over­head-Pro­jek­to­ren.

Das ist heu­te wohl bes­ser, erzähl­ten mir kürz­lich eini­ge Schü­ler. Zum Glück. Wenn ich mir näm­lich Men­schen anschaue (vie­le davon zwi­schen 20 und 30), die wie­der alte Reichs­flag­gen schwin­gend gegen die so hart erkämpf­te offe­ne, deut­sche Kul­tur ste­hen, wünsch­te ich mir, sie alle zum Nach­sit­zen ver­don­nern zu dür­fen. Ihnen Bil­der zu zei­gen, die ver­ra­ten, was es hieß, als “Deutsch­land nur den Deut­schen” gehör­te. Sie mit Zeit­zeu­gen zu kon­fron­tie­ren, die erzäh­len, was es bedeu­te­te, nur auf Grund der Reli­gi­on, ihrer Haut­far­be oder der Sei­te der Gren­ze wegen ver­folgt und gequält wor­den zu sein. Ihnen den Spie­gel vor­hal­ten zu dür­fen und sie zu fra­gen, ob es ihnen nicht bes­ser stün­de, sich lie­ber für Mensch­lich­keit ein­zu­set­zen als gegen sel­bi­ge laut und stumpf zu plär­ren.

An sich klingt das nicht schwer: Für die­se Lek­tio­nen hal­ten die ver­gan­ge­nen 150 Jah­re aller­lei Bei­spie­le bereit — nega­ti­ve wie posi­ti­ve. Das Schul­fach Geschich­te muss aber mehr leis­ten, als Schü­ler zum Aus­wen­dig­ler­nen von Zah­len und Fak­ten zu bewe­gen. Rea­le Orte und ech­te Men­schen machen Geschich­te erst leben­dig, gene­rie­ren tau­send­mal mehr Bewusst­sein für die His­to­rie als bun­te, aber schnö­de Lehr­bü­cher.

Leh­rer haben kei­ne Zeit für Aus­flü­ge? Schu­len kein Geld für Exkur­sio­nen? Das ist scha­de. Mehr noch, es ist schänd­lich. Geschich­te wie­der­ho­le sich immer, sagen Exper­ten. Dass eine deut­sche Geschich­te von rech­tem Den­ken, Unter­drü­ckung und Frem­den­feind­lich­keit zurück­kehrt, kann aber nie­mand wol­len. Die Kids müs­sen Buchen­wald, Baut­zen und die Ber­li­ner Mau­er mit eige­nen Augen sehen, um zu ver­ste­hen. Brecht’s Gali­leo Gali­lei mein­te: “Wenn die Wahr­heit zu schwach ist, sich zu ver­tei­di­gen, muß sie zum Angriff über­ge­hen.” Sind wir wie­der soweit? Falls ja, bit­te ohne Gewalt! Ein schar­fer Ver­stand ent­waff­net rech­te Dum­mies am bes­ten.

Die­se Kolum­ne ist auch auf www.juthu.de erschie­nen.