Kolumne: Brexit — Ausharren lohnt sich

Stay or not to stay? Brexit oder nicht? Am Donnerstag entscheiden die Bürger von Großbritannien, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht. Warum ein “Ja” fatal für alle wäre, lest ihr in meiner Kolumne.

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Fif­ty-Fif­ty! Mal lie­gen die Befür­wor­ter in den Umfra­gen vor­ne, mal über­wie­gen die Geg­ner. Brex­it, ein gru­se­lig anmu­ten­der Aus­druck. Sel­ten hat­te eine Zusam­men­set­zung zwei­er Wör­ter (Bri­tain und Exit) so sehr nach Nie­der­la­ge geklun­gen. Sel­ten war eine Ent­schei­dung der bri­ti­schen Bür­ger so wich­tig für den gan­zen Kon­ti­nent. Und sel­ten waren sie sich der­art uneins.

Kei­ner kann im Moment genau sagen, wie die Eng­län­der, Schot­ten, Wali­ser, Nord­iren und Gibral­ta­rer am Don­ners­tag dar­über ent­schei­den wer­den, ob sie ein Teil der Euro­päi­schen Uni­on blei­ben wol­len oder nicht. Die EU muss seit ihrer Grün­dung um Aner­ken­nung in wei­ten Tei­len der Bevöl­ke­rung buh­len. Zu abs­trakt emp­fin­den vie­le den star­ren und zähen Ver­wal­tungs­ap­pa­rat. Ganz egal, wie sich Groß­bri­tan­ni­en ent­schei­det: Der tie­fe Knacks in der euro­päi­schen Idee scheint (spä­tes­tens) jetzt kaum mehr repa­ra­bel.

Die Abstim­mung über den Brex­it könn­te das ver­ein­te Euro­pa kaum ungüns­ti­ger tref­fen – egal wie sie aus­fällt. Die Grie­chen­land-Kri­se ist alles ande­re als gelöst. Dazu for­mie­ren sich – ange­trie­ben von „besorg­ten Bür­gern“ – rech­te Kräf­te in vie­len Mit­glieds­staa­ten zu einer Stär­ke, über die sich nicht mehr über­heb­lich lächelnd hin­weg­se­hen lässt. Und noch immer befeu­ern die euro­päi­schen Staa­ten ideo­lo­gisch rechts­au­ßen ange­sie­del­te Ein­woh­ner mit einer noch immer klein­kind­haft nai­ven Flücht­lings­po­li­tik. Wer meint, die EU rut­sche in eine Kri­se, der irrt. Sie steckt bereits rich­tig tief drin und droht nun, end­gül­tig zu ver­sin­ken.

Bun­te Lini­en auf einer Land­kar­te rei­chen nicht aus, um
Men­schen zu klas­si­fi­zie­ren.”

Kann uns doch egal sein, was die dort auf ihrer Insel trei­ben“, wer­den viel­leicht man­che Fest­lan­d­eu­ro­pä­er sagen. Falsch. Vor allem den Deut­schen könn­te ein Brex­it scha­den. Drei Pro­zent weni­ger Wirt­schafts­leis­tung für die Bun­des­re­pu­blik will das Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tut Ifo für den Fall eines Aus­stiegs von Groß­bri­tan­ni­en aus der EU errech­net haben. Han­dels­hemm­nis­se, Mil­li­ar­den-Löcher, weni­ger Frei­zü­gig­keit, unge­wis­se Preis­ent­wick­lun­gen: Die Ent­schei­dung am Don­ners­tag hat auf das euro­päi­sche Lebens gro­ßen Ein­fluss – für bei­de Sei­ten des Ärmel­ka­nals.

Doch ein­mal ganz abge­se­hen davon, dass die rest­li­chen EU-Mit­glieds­län­der dann vor­aus­sicht­lich mehr in den EU-Haus­halt zah­len müss­ten, die Bri­ten nicht mehr die Vor­tei­le des Bin­nen­mark­tes nut­zen könn­ten und an den Finanz­märk­ten erst ein­mal Tohu­wa­bo­hu herr­schen wür­de, wäre ein Ja zum Brex­it fatal für die poli­ti­sche Iden­ti­tät Euro­pas.

Auch ich bin ent­täuscht. Sehr sogar. Im Prin­zip ste­he ich hin­ter der euro­päi­schen Idee. Vor allem weil ich glau­be, dass bun­te Lini­en auf einer Land­kar­te nicht aus­rei­chen, um Men­schen zu klas­si­fi­zie­ren. Aber wenn ich dann höre, dass wir uns aus ver­hand­lungs­tak­ti­schen Grün­den men­schen­rechts­ver­ach­ten­den Auto­kra­ten wie Herrn Erdo­gan anbie­dern, macht mich das trau­rig. Das ist nicht mein Euro­pa.

Und den­noch lohnt es sich, für die Idee Euro­pa zu kämp­fen. Lau­te­te nicht der Plan, ein­zel­ne Natio­nen schritt­wei­se ein­an­der näher­zu­brin­gen, um den Frie­den eines gan­zen Kon­ti­nents zu sichern? Bestand nicht die Mög­lich­keit, Bür­ger vie­ler ver­schie­de­ner Staa­ten zu Euro­pä­ern zusam­men­zu­schwei­ßen? Oder ist die­se gro­ße Idee bereits gestor­ben? Ich hof­fe es nicht. Denn dann wür­den wie­der die­je­ni­gen immer lau­ter wer­den, die „Deutsch­land den Deut­schen*“ for­dern (*wahl­wei­se durch eine ande­re Natio­na­li­tät zu erset­zen ).

Die­ser Text ist am 21. Juni 2016 auf der Mei­nungs­sei­te der süd­thü­rin­gi­schen Tages­zei­tung Frei­es Wort in der Rubrik “Offen gesagt” erschie­nen.