Drogen: Ein weiter Weg zurück ins Licht

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Es macht einen kaputt. Die Menschen, die man liebt, auch. Das Amphetamin Crystal Meth ist in Deutschland immer weiter auf dem Vormarsch. Folgende Geschichte stammt aus dem Jahr 2014, ist aber wieder aktueller denn je…

Micha­el* geht es gut. Er feixt mit sei­nem klei­nen Sohn, wäh­rend er den Kin­der­wa­gen durch die Enge des klei­nen Cafés manö­vriert. Schon von wei­tem ruft er freund­lich “Hal­lo!”, lässt einen fes­ten Hän­de­druck fol­gen. Dann sucht er einen Platz für sich und den Klei­nen, immer dar­auf bedacht, den Kin­der­wa­gen im Schat­ten zu belas­sen. Schließ­lich ist es ziem­lich heiß an die­sem Tag.

Micha­el ist auf den ers­ten Blick ein ganz nor­ma­ler jun­ger Mann, der eine hip­pe Fri­sur trägt und den Ruck­sack läs­sig über die Schul­ter gewor­fen hat. Der jun­ge Vater wirkt, als sei er mit sich ein­ver­stan­den. Und doch spre­chen sei­ne Augen mit­un­ter eine ganz ande­re Spra­che. Es klingt Weh­mut mit, Scham und auch etwas Wut, wenn Micha­el das Erzäh­len beginnt. Über sich, sein Leben, sei­ne Ver­gan­gen­heit. So ent­spannt und aus­ge­gli­chen wie an jenem Juli­tag konn­te er nicht immer den abend­li­chen Son­nen­schein genie­ßen. Es ist noch gar nicht so lan­ge her, da bestimm­ten ganz ande­re Din­ge sein Leben. Gefähr­li­che Din­ge. Eins von denen trägt den Namen Crys­tal Meth.

N-Methylam­phet­amin

Zuletzt glich es einem Schre­cken ohne Ende, sagt der 24-Jäh­ri­ge. Er erzählt es, als gin­ge es gar nicht um ihn, als mei­ne er jemand ganz ande­ren. Es ver­ging am
 Schluss kein Tag 
mehr, ohne dass er
 nicht ver­sucht hät­te, sich Dro­gen zu
 besor­gen. Pro­biert hat­te Micha­el so ziem­lich alles, von Can­na­bis über Hero­in bis hin zu Metham­phet­ami­nen. Crys­tal, wie er es nennt. „Ich war oft tage­lang wach, immer drauf. Aber irgend­wann for­dert der Kör­per Tri­but“, erzählt Micha­el erstaun­lich elo­quent und nimmt noch einen Schluck aus sei­nem Milch­kaf­fee. „Zum Abschal­ten und Run­ter­kom­men nahm ich ab und an irgend­wel­che Kräu­ter­mi­schun­gen. Das ist rich­tig mie­ses Zeug.“ Danach brauch­te er natür­lich wie­der ein Hoch. Und so wei­ter. Ein Teu­fels­kreis.

Metham­phet­ami­ne befin­den sich in Deutsch­land auf einem gefähr­li­chen Vor­marsch, gera­de in den Grenz­re­gio­nen zur Tsche­chi­schen Repu­blik. In den Bera­tungs- und Behand­lungs­ein­rich­tun­gen machen die Hil­fe suchen­den „Crystal“-Konsumierenden in die­sen Regio­nen zwi­schen 50 und 70 Pro­zent der Kli­en­tel aus, aber auch in der Not­fall­me­di­zin und in der Psych­ia­trie stel­len sie eine erheb­li­che Her­aus­for­de­rung dar, steht im Dro­gen- und Sucht­be­richt 2015 der Bun­des­re­gie­rung. Dem­nach sei­en aktu­ell etwa 0,1 Pro­zent der erwach­se­nen Deut­schen abhän­gig von Amphet­ami­nen. Laut Medi­en­be­rich­ten ver­la­ge­re sich in Bay­ern das Kon­sum- und Han­dels­zen­trum weg von den Gren­zen in Rich­tung der gro­ßen Städ­te, wie zum Bei­spiel Nürn­berg.

Wie bei vie­len ande­ren Kon­su­men­ten hat­te es auch bei Micha­el mehr oder min­der harm­los begon­nen. Er begann eine Leh­re in der Gas­tro­no­mie­bran­che, muss­te lan­ge Schich­ten schie­ben, auch an Wochen­en­den und Fei­er­ta­gen. Aufs Fei­ern am Abend woll­te er den­noch nicht ver­zich­ten, des­halb griff manch­mal zu Speed, einem auf­put­schen­den Amphet­amin. Nur kur­ze Zeit spä­ter aber woll­te sein Kör­per mehr, Speed reich­te nicht mehr. Dann folg­te Crys­tal. Und zwar jeden Tag. Es ist bil­li­ger, wirkt stär­ker, ist ein­fa­cher zu bekom­men. Mit der Zeit ging der Kon­sum ins Geld, immer öfter ver­griff er sich an den Porte­mon­naies sei­ner Eltern.

Der Stru­del zog Micha­el nach unten. Zwar schaff­te er mit Mühe und Not sei­ne Leh­re, warf anschlie­ßend aber das Hand­tuch, ver­lor sich immer mehr in sei­ner Sucht. Nach­dem er bei­na­he unver­meid­lich sei­nen Füh­rer­schein ver­lo­ren hat­te, ver­trau­te er sich sei­nen Eltern an, woll­te raus aus dem Trott, raus aus dem Umfeld, wel­ches ihn immer wie­der in den Rausch trieb. Das gestal­te­te sich schwie­ri­ger als gedacht. Ohne Hil­fe ist es bei­na­he aus­sichts­los. Stadt­ver­wal­tun­gen, pri­va­te und öffent­li­che Trä­ger bie­ten Anlauf­stel­len für Sucht­kran­ke an
 und stel­len Gesprächs­part­ner 
für Betrof­fe­ne
 und Ange­hö­ri­ge.
 Eine sol­che Ansprech­part­ne­rin ist Ant­je Kauf­mann von der Sucht­be­ra­tung der Awo Ajs gGmbH. Sie und ihre Kol­le­gin­nen küm­mern sich der­zeit um mehr als 500 Kli­en­ten. Allei­ne im  Land­kreis Son­ne­berg. Mehr als ein Vier­tel kämen wegen ille­ga­len Dro­gen.

Pro­ble­me mit Crys­tal neh­men zu, auch hier“, erklärt die Sozi­al­päd­ago­gin. Ihrer Aus­sa­ge nach zie­he sich das Pro­blem quer durch alle Alters- und Bevöl­ke­rungs­schich­ten. Vie­le, die bei ihr klin­geln, tun dies aller­dings nicht frei­wil­lig. Viel­mehr zählt Sucht­be­ra­tung zu einem Teil zu deren von einem Gericht bestimm­ten Auf­la­gen. Anders bei Micha­el. Er stand von sich aus vor ihrer Tür. Aber bis dahin war es ein wei­ter Weg.

Sein ent­kräf­te­ter Kör­per zahl­te ihm den ste­ten Kon­sum mit einem epi­lep­ti­schen Anfall heim. In die Kli­nik woll­te er nicht, wei­ger­te sich. Kur­ze Zeit spä­ter ver­lor er sei­nen Job, den er sich in einer neu­en Stadt gesucht hat­te. Er war am Tief­punkt. Auch sei­ner Freun­din zulie­be fass­te er einen Ent­schluss: Er woll­te sich end­lich ent­gif­ten las­sen, check­te in der Sucht­kli­nik Groß­brei­ten­bach ein (mitt­ler­wei­le nach Ilmen­au umge­zo­gen, Anm. d. Autors). Ohne Erfolg, nur zwei Wochen lang hiel­ten die guten Vor­sät­ze. Er war damals noch nicht so weit, sträub­te sich dage­gen, ohne Dro­gen leben zu wol­len.

Die Rück­fall­quo­te ist sehr hoch“, sagt Ant­je Kauf­mann. Vie­le ihrer Kli­en­ten sehe sie häu­fi­ger. Weil sie fal­sche Glücks­ge­füh­le sug­ge­riert, macht Crys­tal schnell abhän­gig, war­nen Exper­ten. Über­dies geben gewis­sen­lo­se Kri­mi­nel­le kei­nen Deut auf die Gesund­heit der Kon­su­men­ten. „Was in die­sen pri­va­ten Dro­gen­kü­chen alles zusam­men­ge­panscht wird, kann echt gefähr­lich sein“, meint Micha­el und schaut betrof­fen ins Lee­re. Selbst Glas­split­ter habe er schon gefun­den.
 Du musst dir was auf­bau­en, dir Hil­fe suchen, um da wie­der raus­zu­kom­men.“

Außer­dem brau­che man einen Grund, um aus dem Sog haus­zu­bre­chen. Micha­el hat­te einen: Sei­ne Freun­din (heu­te sind sie ver­hei­ra­tet) wur­de schwan­ger. Sie­ben Wochen lang ver­brach­te Micha­el ab Juli 2012 abge­schirmt von der Außen­welt in einer Ent­zugs­kli­nik. „Ich hab‘ böse Fil­me gescho­ben, konn­te nicht mehr klar den­ken, hab‘ fast kei­nen nor­ma­len Satz mehr bil­den kön­nen.“ Jetzt ist er auf einem guten Weg. Der Füh­rer­schein ist wie­der in Greif­wei­te, er hat einen Job und teilt sei­ne Erfah­run­gen mit ande­ren Betrof­fe­nen. Jetzt bleibt zu hof­fen, dass er kei­nen Rück­schlag erlei­det. Eine hun­dert­pro­zen­ti­ge Chan­ce, die­ser zer­stö­re­ri­schen Dro­ge zu ent­kom­men, gibt es nicht. Nie­mals.

*Name von der Redak­ti­on geän­dert