Theater-Rezension: “Europa verteidigen”

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euro­pa ver­tei­di­gen” heißt das neu­es­te Büh­nen­werk von Kon­stan­tin Küspert — zur Zeit läuft es am ETA Hoff­mann Thea­ter in Bam­berg. Fotos (3): Mar­tin Kauf­hold

europa verteidigen”: Pflichtprogramm für Europäer

Viele sind gar nicht besorgt, sie sind einfach Rassisten! Bravo, Herr Küspert! Mit “europa verteidigen” ist Ihnen wieder ein sehr kluges Stück gelungen. Großes Theater, das Spaß macht und einen darin bestärkt, über das Leben und die Welt nachzudenken.

Bam­berg — Nie­mand! Kei­ner kann gewin­nen, wenn sich Men­schen aus lau­ter Angst vor dem und den Frem­den abschot­ten. Nie­mand hat etwas davon, in sei­ner per­sön­li­chen Fes­tung Euro­pa aus­zu­har­ren, bis die Zeit an ihm vor­bei gerauscht ist. Nie­man­dem bringt es etwas, “sein” Euro­pa vor neu­en Men­schen mei­nen ver­tei­di­gen zu müs­sen. Euro­pa ist, wenn es kei­nen Krieg gibt. Euro­pa ist, wenn wir gemein­sam fried­lich leben kön­nen. Daher müs­sen wir Euro­pa ver­tei­di­gen.

Nach „rech­tes den­ken“ zeigt das ETA Hoff­mann Thea­ter mit „euro­pa ver­tei­di­gen“ ein wei­te­res Werk des viel­fach aus­ge­zeich­ne­ten Dra­ma­ti­kers Kon­stan­tin Küspert. In sei­nem Werk stellt Küspert die Fra­ge nach der Idee Euro­pas, was die­se heu­te für uns bedeu­tet und wel­che Ver­ant­wor­tung man als „Euro­pä­er“ für das Gan­ze hat. Ent­stan­den ist das Stück im Auf­trag des Bam­ber­ger Thea­ters und eröff­net im Wech­sel­spiel zwi­schen Mytho­lo­gie, zeit­ge­nös­si­schen Mono­lo­gen und Schlag­lich­tern aus einer beweg­ten euro­päi­schen His­to­rie einen gedank­li­chen Raum um die euro­päi­sche Idee.

Äußerst kri­tisch bedenkt Küspert die Hor­den besorg­ter Bür­ger mit wit­zig-sar­kas­ti­schen Sei­ten­hie­ben, die eta_europa_verteidigen_01_c_kaufhold Foto: Martin Kaufholdmei­nen, Euro­pa mit kal­ten Schul­tern vor “den ande­ren” ver­tei­di­gen zu müs­sen. Als über­zeug­ter Euro­pä­er ver­lässt man den Zuschau­er­saal gestärkt und mit neu­er Hoff­nung. Ja, es macht Mut. Gera­de weil Küsperts Werk auf­zeigt, dass die Jahr­tau­sen­de alte Geschich­te unse­res Kon­ti­nents und des poli­ti­schen Kon­strukts Euro­pa zwar stets Kri­sen und Kon­flik­te her­vor­brach­te. Dass es aber immer Men­schen gab und geben wird, wel­che die Idee Euro­pa vor­an­brin­gen und sich dafür ein­set­zen, dass Nächs­ten­lie­be und Offen­heit kei­ne plum­pen reli­giö­sen Schlag­wor­te bleiben/sind/werden, son­dern den Kern die­ser so wert­vol­len plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft bil­den.

Dort kommen wir her — aber wo gehen wir hin?

Kurz­wei­lig lässt die Regis­seu­rin Cil­li Drex­el die Figu­ren durch euro­päi­sche Geschich­te wan­deln: Man hört Publi­us Cor­ne­li­us Sci­pio Afri­ca­nus vor dem römi­schen Senat reden, beglei­tet die Wikin­ger bei der Besied­lung Grön­lands und fin­det sich plötz­lich ein­ge­hüllt in Schall und Rauch beim D-Day 1944 in der Nor­man­die. Auch einen (beängs­ti­gen­den) Blick in die Zukunft wagt Küspert: Im Jah­re 2020 fährt Fron­tex im Mit­tel­meer Patrouil­le. Ekel­haft gleich­gül­tig schießt das Schiff in einem Rou­ti­ne­ein­satz Schlauch­bot­te ab und ermor­det mehr als 400 Flücht­lin­ge. Sieht so unse­re Zukunft aus?

eta_europa_verteidigen_03_c_kaufhold Foto: Martin KaufholdGespickt ist die Vor­füh­rung von Mono­lo­gen ver­schie­de­ner Ein­woh­ner der EU, die wech­seln zwi­schen Zuver­sicht, Angst und Opti­mis­mus. Die Schau­spie­ler Bertram Maxim Gärt­ner, Nico­las Garin, Ste­fan Hart­mann, Ron­ja Losert und Marie Nest zie­hen das Publi­kum von Beginn an in ihren Bann und opfern sich auf der Büh­ne bei­na­he auf, um dem Lei­den und Leben der euro­päi­schen Idee Gesich­ter zu geben. Scha­de, dass schon bei der drit­ten Vor­füh­rung “euro­pa ver­tei­di­gen” bei­na­he die Hälf­te der Stüh­le im Stu­dio leer geblie­ben sind. Das haben weder die Macher des Stücks noch die Idee dahin­ter ver­dient.

Manch­mal derb und direkt (Zeus ver­ge­wal­tigt die arme, jun­ge Euro­pe und über­ant­wor­tet sie fort­an ein­fach ihrem Schick­sal), manch­mal lus­tig und über­spitzt — Küspert trifft stets den rich­ti­gen Ton und lässt sein Publi­kum gehö­rig schmun­zeln, aber auch ent­setzt schlu­cken und nach­denk­lich die Stirn run­zeln.

Bei dem Stück “euro­pa ver­tei­di­gen” kom­men alle auf ihre Kos­ten: Thea­ter­freun­de, weil die Sum­me aus Idee, Ensem­ble, Büh­ne und Umset­zung einen gelun­ge­nen Kul­tur­abend ver­spricht. Euro­pa­freun­de, weil sie einen (noch nicht zer­bro­che­nen) Krug vor­ge­tra­gen bekom­men, der mehr als halb­voll zu sein scheint. Euro­pa­geg­ner, weil sie noch ein­mal ihre Ängs­te über­den­ken kön­nen. Daher ist mein Appell ein­deu­tig: Die­ses Stück soll­te Pflicht­pro­gramm sein für alle Euro­pä­er — und alle, die es wer­den wol­len.