Geschichte: Schule heute

Johannes Mann ist als Referendar an seine alte Schule in Kronach zurückgekehrt. Foto: groart.de

Aus Johannes wird Herr Mann

Lehrer aus Leidenschaft: 2009 hat Johannes Mann sein Abitur am Kronacher Kaspar-Zeuß-Gymnasium gemacht. Nun ist der 26-Jährige zurückgekehrt und steht plötzlich auf der anderen Seite.

Kro­nach – Plötz­lich sieht Johan­nes Mann den alt­be­kann­ten Phy­sik­saal am Lan­gen Steig mit ganz ande­ren Augen. Sein Blick pen­delt nicht mehr wie frü­her wan­dernd durch den Raum, vom Fens­ter links über Leh­rer und Tafel bis hin zur run­den Schul­uhr rechts über der Tür. Plötz­lich schwei­fen sei­ne Gedan­ken nicht mehr hin und her zwi­schen phy­si­ka­li­schen Phä­no­me­nen, lang ersehn­ter Hof­pau­se und Haus­auf­ga­ben. Das heißt, eigent­lich doch. Nur anders. Drück­te er vor eini­gen Jah­ren noch selbst die Schul­bank am Kas­par-Zeuß-Gym­na­si­um (KZG) und schau­te gemein­sam mit vie­len ande­ren Augen­paa­ren ehr­fürch­tig auf sei­ne Leh­rer, steht er heu­te selbst vor den jun­gen Leu­ten. Aus dem Schü­ler wur­de der Leh­rer, aus Johan­nes wur­de Herr Mann.

Ich woll­te schon immer Leh­rer wer­den“, erklärt der jun­ge Mann mit einem begeis­ter­ten Fun­keln in den Augen. Das liegt nur zum Teil dar­an, dass er aus einer regel­rech­ten Päd­ago­gen-Fami­lie stammt – Mut­ter und Schwes­ter sind Leh­re­rin­nen, der Vater ist Pro­fes­sor. Viel­mehr hat Mann es schon lan­ge in sich selbst gespürt: „Ich hat­te schon immer ein Bren­nen in mir, mein Wis­sen nicht nur für mich behal­ten zu wol­len.“

Vom Schüler zum Lehrer

Mathe­ma­tik und Phy­sik: Bei die­sen Fächern, die manch ande­ren Kin­dern und Jugend­li­chen einen eis­kal­ten Schau­er den Rücken hin­un­ter­lau­fen las­sen, blüht Johan­nes Mann rich­tig auf. Schon am Anfang sei­ner eige­nen Schul­lauf­bahn haben es ihm Glei­chun­gen und Zah­len, phy­si­ka­li­sche Geset­ze und Expe­ri­men­te ange­tan. „In der sieb­ten Klas­se hat­te ich bereits Spaß dar­an, mei­nen Mit­schü­lern bei ihren Pro­ble­men in Mathe zu hel­fen“, erzählt Mann. Nicht stre­ber­haft beleh­rend, son­dern freund­schaft­lich. Eben ein rich­ti­ger Leh­rer, durch und durch.

Der 26-Jäh­ri­ge arbei­tet seit drei Wochen am KZG, sei­ner soge­nann­ten Ein­satz­schu­le wäh­rend des Refe­ren­da­ri­ats. Zwei Jah­re dau­ert das und teilt sich in drei Abschnit­te: Nach­dem Mann sein Lehr­amts­stu­di­um an der Uni­ver­si­tät Bay­reuth mit dem Ers­ten Staats­ex­amen abge­schlos­sen hat­te, lehr­te er für sechs Mona­te an sei­ner Semi­nar­schu­le in Schwein­furt. Dort­hin muss er das letz­te hal­be Jahr noch ein­mal. Dar­auf fol­gen Prü­fun­gen und dann bekommt er sein Zwei­tes Staats­ex­amen und ist end­lich ein voll­wer­ti­ger Leh­rer.

Nürn­berg, Schwein­furt, Bay­reuth: Grö­ße­re Städ­te haben schon ihren Reiz. Aber in länd­li­chen Regio­nen sind die Schü­ler net­ter und ent­spann­ter“, sagt Mann. Für ihn als gebür­ti­gen Kro­nacher hät­te es gar nicht bes­ser lau­fen kön­nen, als an sei­ner ehe­ma­li­gen Schu­le ein­ge­setzt zu wer­den. Gehol­fen haben gute Kon­tak­te und etwas Glück. 2009 mach­te er sein Abitur am KZG; ver­ließ als belieb­ter Schü­ler die Ein­rich­tung und möch­te als eben­so belieb­ter Leh­rer zurück­keh­ren.

Weg vom Image des ange­staub­ten Mathe­leh­rers huscht Mann mit fei­nem Jackett, sty­li­scher Fri­sur und Dau­er­lä­cheln durch die Gän­ge. „Ich möch­te den Kids in mei­nen Stun­den etwas bie­ten“, so Mann. „Hand­lungs­ori­en­tier­ter Unter­richt“ hei­ße das Stich­wort. Dafür sei das KZG per­fekt. „Nach der Sanie­rung gibt es wohl kaum eine moder­ne­re Schu­le in ganz Bay­ern“, schwärmt Mann. Er kann in sei­nem Unter­richt auf White­board, Com­pu­ter, Doku­men­ten­ka­me­ra und Expe­ri­men­tier­käs­ten für jeden Schü­ler zurück­grei­fen. „Lan­ge­wei­le im Unter­richt kann eigent­lich gar nicht mehr auf­kom­men“, sagt er.
Selbstbestimmt an der Schule

Den Ein­satz in Kro­nach genießt er sicht­lich, darf er hier doch größ­ten­teils selbst­be­stimmt unter­rich­ten. An der Semi­nar­schu­le sit­zen stän­dig die Betreu­ungs­leh­rer mit im Unter­richt, beob­ach­ten und ver­bes­sern ihn. Das sei zwei­fel­los wich­tig, sagt Mann, befin­de er sich ja noch in der Aus­bil­dung. Aber den­noch sei es schön, nun ein Jahr lang auf sich selbst gestellt zu sein. „Ich kann mich gut frei­schwim­men,“, nennt er die neue Ver­ant­wor­tung.

Klar, anfangs sei es schon ein wenig komisch gewe­sen, plötz­lich nicht mehr als Schü­ler, son­dern als Leh­rer die brei­ten Trep­pen des KZG zu erklim­men. Aber Mann hat­te schon in der Ober­stu­fe einen guten Draht zu sei­nen Päd­ago­gen; der füh­re sich nun auf kol­le­gia­ler Ebe­ne fort. Plötz­lich begeg­net man sich auf Augen­hö­he, plötz­lich wird aus dem frü­her mys­te­ri­ös beäug­ten Leh­rer­zim­mer der eige­ne Pau­sen­raum und Arbeits­platz.

Frü­her habe ich beim Leh­rer-Schü­ler-Vol­ley­ball mit­ge­spielt – mit den Leh­rern zusam­men“, erzählt Mann. „Heu­te mache ich das wie­der; nur gemein­sam mit mei­nen Schü­lern.“ Und dass er von man­chen Leh­rern viel­leicht doch noch auf den ers­ten Blick als der „Schü­ler von damals“ wahr­ge­nom­men wer­de, scha­de nicht. Im Gegen­teil: In sei­nen Fächern hel­fen ihm gute Impul­se gera­de von älte­ren Kol­le­gen. Jeder Tipp macht ihn ein Stück bes­ser.

Der 26-Jäh­ri­ge könn­te sich gut vor­stel­len, nach sei­nem Refe­ren­da­ri­at wie­der in Kro­nach zu arbei­ten. Sei­ne Leis­tun­gen sind gut und auf Grund sei­ner Fächer­kom­bi­na­ti­on hat er sogar gute Aus­sich­ten auf eine Plan­stel­le (Ver­be­am­tung). Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich: Vie­le sei­ner Stu­di­en­kol­le­gen aus ande­ren Fach­be­rei­chen, wie Deutsch und Geschich­te, haben dage­gen kaum Chan­cen, nach ihrem Refe­ren­da­ri­at eine fes­te Stel­le im Staats­dienst zu ergat­tern. Nicht nur des­halb rät Mann davon ab, nur aus Ver­le­gen­heit oder wegen man­geln­den Alter­na­ti­ven Lehr­amt zu stu­die­ren. Herz­blut hilft: Er selbst könn­te sich gar kei­nen schö­ne­ren Job vor­stel­len.

 Kommentar
Nun haben wir den Salat. Tausende frisch ausgebildete Lehrkräfte vergammeln auf ministerialen Wartelisten, weil sie Fächer unterrichten wollen, die schon vor Lehrern triefen. Deutsch, Geschichte, Englisch und so weiter. Aber anderswo fallen Hunderte Stunden aus, weil Pädagogen fehlen. 

Das ließe sich ganz einfach regeln und würde nebenbei noch andere Probleme unserer Schulstruktur lösen: Lasst die Kinder länger zusammen! Müssen die Schüler nicht mehr nach der vierten Klasse den Abzweig für ihren zukünftige Bildungsweg wählen, haben die Pädagogen viel länger Zeit, deren wahre Stärken herauszufinden und zu fördern. Es muss nicht jeder Abitur haben, nur um es gemacht zu haben. Wir brauchen keine Schwemme an mittelmäßig Studierten – wir brauchen fähige, mittel gereifte Absolventen, um dem eklatanten Fachkräftmangel zu begegnen! Dasselbe gilt für angehende Lehrkräfte: Gebt den Paukern mehr Pädagogik an die Hand. Es herrscht Leere statt Lehre – Universitäten vermitteln viel zu wenig didaktische Fähigkeiten. Das muss sich dringend ändern, denn Lehrer sollten mehr sein als die Summe ihrer Schüler.

 

Die­ser Text ist am 4. Okto­ber 2016 in der Kro­nacher Aus­ga­be der Neu­en Pres­se erschie­nen.