Meinung: Wenn Lautstärke die Menschen einlullt oder Warum die AfD gerade beliebt ist

Ein Sonntag, drei Länder, drei Wahlen, dreimal erreichte die Alternative für Deutschland (AfD) aus dem Stand zweistellige Ergebnisse. Wie ich das finde, lest ihr in meiner Kolumne:
Ist das noch die vorherrschende Meinung in Deutschland?

Den­ken die Deut­schen wirk­lich noch so?                     Foto:groart

Offen gesagt wün­sche ich mir manch­mal, die Men­schen wären taub. Ähn­lich wie der por­tu­gie­si­sche Roman­cier José Sarama­go in sei­ner “Stadt der Blin­den” die Bewoh­ner plötz­lich im Dun­keln tap­pen lässt, bräuch­ten wir Men­schen aktu­ell eine Aus­zeit vom Hören. Stil­le wäre die Fol­ge. Die Leu­te wür­den wie­der in sich hin­ein hören, viel­leicht sogar erst nach­den­ken, bevor sie han­deln. Aber war­um nur soll­te ich mir so etwas Absur­des wie eine vor­über­ge­hen­de Taub­heit wün­schen?

Das ist ganz ein­fach zu beant­wor­ten: In man­chen Tei­len der Welt greift gera­de (wie­der) ein Phä­no­men um sich. Das Phä­no­men, den­je­ni­gen Leu­ten zu glau­ben, die am lau­tes­ten brül­len. Ähn­lich der gestress­ten Leh­re­rin, die dem zap­peln­den Klas­sen­clown die meis­te Auf­merk­sam­keit schenkt, reagie­ren Bür­ger von demo­kra­ti­schen Sys­te­men gera­de vor allem auf eins: Laut­stär­ke. Was geschrien wird, ist neben­säch­lich. Wer schreit, eben­so. Es ist laut. Sogar sehr laut. Dann muss es doch gut sein, rich­tig?

Falsch! Sonn­tag­abend, 18.30 Uhr, Jörg Schö­nen­born hat gera­de die ers­ten Hoch­rech­nun­gen des Super­wahl­sonn­ta­ges vor­ge­le­sen: Eta­blier­te Par­tei­en ver­lie­ren an Stim­men. Ok. Soweit nicht tra­gisch, nicht ein­mal ver­wun­der­lich. Dann kommt der Ham­mer. Die in Schafs­pelz­wol­le gehüll­te, selbst ernann­te Alter­na­ti­ve für Deutsch­land (AfD) zieht mit jeweils zwei­stel­li­gen Ergeb­nis­sen in drei Lan­des­par­la­men­te ein. Die Donald Trumps der Bun­des­re­pu­blik haben es tat­säch­lich geschafft, Mil­lio­nen von Deut­schen zu umgar­nen.

Ich bin scho­ckiert. Fast ein Vier­tel der Men­schen in Sach­sen-Anhalt (12 Pro­zent in Rhein­land-Pfalz, 15 in Baden-Würt­tem­berg) haben eine Par­tei gewählt, die aus einem euro­päi­schen Land einen Außen­sei­ter machen will, mit dem kei­ner mehr spie­len mag. Und zwar, weil sie ihr Wohl­be­fin­den nicht mit Men­schen tei­len wol­len, die im Moment drin­gend dar­auf ange­wie­sen sind.

Wie konn­te es soweit kom­men? Viel zu weit rechts gerich­te­te Grup­pie­run­gen wie die AfD ködern die “besorg­ten” (oder viel­mehr besorg­nis­er­re­gend ver­blen­de­ten) Bür­ger mit Paro­len, die wir über­wun­den zu haben glaub­ten. Haben wir lei­der nicht. Schein­bar war die Beschal­lung von Frau­ke Petry und Co. zu laut. Vor allem vor­ma­li­ge Nicht- und jet­zi­ge Pro­test­wäh­ler spei­sen den AfD-Wäh­ler-Tross: die Gene­ra­ti­on “Ich bin ja kein Nazi, aber…”.

Der Unter­schied zu den dumpf dröh­nen­den Demo­kra­tie­geg­nern der NPD liegt dar­in, dass es die bür­ger­li­che Mit­te plötz­lich wie­der schick fin­det, über­dreht natio­na­lis­ti­sche Ansich­ten zu ver­tre­ten. Oder tun sie das eigent­lich gar nicht? Wie gesagt, die Laut­stär­ke spielt dabei eine wich­ti­ge Rol­le. Getreu dem Mot­to: “Wer schreit, hat recht”. Rund­ge­lutsch­te Volks­par­tei­en haben die Leu­te mit ihrer Farb­lo­sig­keit ver­schreckt, sie ver­un­si­chert. Wie es aus­sieht, wol­len eini­ge Bür­ger wie­der eine poli­ti­sche Grup­pie­rung, die sich ohne viel um Inhal­te zu sche­ren ein­fach mal auf die Pau­ke haut. Ähn­lich den 80er-Jah­re Grü­nen nur unter ande­ren Vor­zei­chen.

Denn links ist schick gewor­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, fast schon guter Ton. Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel brüs­kiert ihre Kon­ser­va­ti­ven mit Soli­da­ri­tät, Grü­ne den­ken schwarz, Die Lin­ke stellt wie­der einen Minis­ter­prä­si­den­ten. Links ist ange­kom­men in der Gegen­wart. Ist dann wie­der rechts dran bei denen, die mei­nen, dass es ihnen schlecht gin­ge in Deutsch­land? Das wäre fatal. Wir haben vor 83 Jah­ren erlebt, was pas­siert, wenn sich unzu­frie­de­ne Deut­sche an den rech­ten Rand drän­gen…

Des­halb wäre es gut, die Men­schen vor­über­ge­hend von der Gabe des Hörens zu befrei­en. Sie wür­den genau­er hin­schau­en, ihren Instink­ten und ihrem Gewis­sen fol­gen. Dann lägen Inhal­te im Fokus der Dis­kus­sio­nen, nicht die Laut­stär­ke. Dann wür­den die pole­mi­schen Rechts­po­pu­lis­ten so schnell wie­der ver­schwin­den, wie das, was sie ver­brei­ten: Schall und Rauch.

Die Kolum­ne “Offen gesagt” erscheint auch regel­mä­ßig in den Regio­nal­zei­tun­gen Frei­es Wort, Süd­thü­rin­ger Zei­tung und Mei­nin­ger Tage­blatt (www.juthu.de/offen_gesagt).