Kolumne: Religionisierung, nein Danke!

Weltreligionen: "Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede"

Welt­re­li­gio­nen: “Mehr Gemein­sam­kei­ten als Unter­schie­de”

Ob ich Angst vor einer Islamisierung der Welt habe? Klar. Genauso wie vor jeder anderen Religion, die versucht, ganzheitlich über die Menschen zu bestimmen. Der Glaube ist ein guter Begleiter, das Glück zu finden. Mehr aber auch nicht.

Offen gesagt habe ich Angst vor einer Isla­mi­sie­rung der Welt. So. Die­sen Ein­stiegs­satz hät­ten vie­le wohl nicht erwar­tet; gera­de von mir, da ich mich doch (nicht nur) in die­ser Kolum­ne stets für offe­ne Arme und Gedan­ken ein­ge­setzt habe. Jetzt ist der Kno­ten geplatzt, wer­den man­che sagen. Bläst der olle Groß­mann nun auch noch ins Horn der arg besorg­ten Ret­ter des Abend­lan­des? Haben es knapp zwei Jah­re Pegi­da und Co. tat­säch­lich geschafft, auch die­sen kri­ti­schen Geist nach rechts kip­pen zu las­sen? Mit­nich­ten.

Ich wie­der­ho­le es aber ger­ne noch ein­mal: Ich habe Angst vor einer Isla­mi­sie­rung der Welt. Genau­so wie mir eine (erneu­te) Chris­tia­ni­sie­rung auf den Magen schla­gen wür­de. Genau­so wie jed­we­de ande­re mono- oder poly­the­is­ti­sche Welt­re­li­gi­on, die meint, das Leben der Men­schen aus der Sphä­re des Glau­bens her­aus voll­um­fäng­lich bestim­men zu müs­sen. Dazu haben sie ein­fach kein Recht, schon lan­ge nicht mehr.

Um eine Sache klar­zu­stel­len: Ich möch­te nie­man­dem sei­nen Glau­ben madig machen, ganz im Gegen­teil. Beherzt gläu­bi­ge Men­schen sind immens wich­tig für eine Gesell­schaft, wer­fen sie doch wich­ti­ge theo­lo­gisch-phi­lo­so­phi­sche Fra­gen in die Dis­kus­sio­nen ein und enga­gie­ren sich über­durch­schnitt­lich oft für ihre Umwelt. Und solan­ge der Glau­be den Men­schen hilft, ihren Platz im Leben zu fin­den, spricht wahr­lich nichts dage­gen.

Wann rücken end­lich die Men­schen selbst in den Fokus und nicht deren Kon­fes­si­on?

Doch immer dann, wenn reli­giö­se Grün­de vor­ge­scho­ben wer­den, um per­sön­li­che, gesell­schaft­li­che oder poli­ti­sche Eigen­in­ter­es­sen durch­zu­set­zen, dann nen­ne ich das ver­werf­lich. Sei­en es radi­kal isla­mis­tisch moti­vier­te Got­tes­krie­ger, sei­en es homo­pho­be Alt-Kle­ri­ker oder das oft­mals dis­kri­mi­nie­ren­de Kas­ten­sys­tem der Hin­dus. Die Lis­te mora­li­scher Ver­feh­lun­gen lie­ße sich lei­der noch lan­ge wei­ter­füh­ren. Die Euro­pä­er haben in blu­ti­gen Krie­gen erreicht, dass Kir­che und Staat theo­re­tisch getrennt von­ein­an­der exis­tie­ren kön­nen. Das ist gut so, denn nur so gibt es die Chan­ce, eine Reli­gi­on frei aus­üben zu kön­nen. Oder eben nicht.

Reli­gi­ons­kri­tik ist so alt wie die Got­tes­leh­ren selbst. Aber ich möch­te hier nicht die Exis­tenz Got­tes in Fra­ge stel­len. Ich möch­te all jene deut­schen Abend­land­ret­ter fra­gen, wann sie das letz­te Mal aktiv in einer Kir­che waren? Und was genau sie eigent­lich ret­ten wol­len: Das Chris­ten­tum? Ihren Glau­ben? Oder geht es eigent­lich nur um ihre spieß­bür­ger­lich beque­me Sei­fen­bla­se vol­ler Vor­ur­tei­le, mit der sie sich vehe­ment vor allem Frem­den zu schüt­zen suchen? Wann rücken end­lich die Men­schen selbst in den Fokus und nicht deren Kon­fes­si­on?

Wie gesagt, auch ich möch­te nicht fünf­mal am Tag beten oder mit einem “Vater unser” um Ver­ge­bung bit­ten müs­sen. Aber wer bin ich, mich über die Men­schen zu erhe­ben und ihnen ver­bie­ten zu wol­len, ihren Glau­ben aus­zu­le­ben? Seht es end­lich ein: Islam, Chris­ten­tum, Juden­tum — gro­ße Welt­re­li­gio­nen haben mehr Gemein­sam­kei­ten als Unter­schie­de.

Ich per­sön­lich habe mich dage­gen ent­schie­den, einem Trä­ger insti­tu­tio­nel­len Glau­bens mein See­len­heil anzu­ver­trau­en. Aber das soll bit­te jeder selbst ent­schei­den. Wenn end­lich jeder Mensch aner­kennt, dass alle Reli­gio­nen ledig­lich mit gut oder gut gemein­ten Rat­schlä­gen für ein bes­se­res Leben wer­ben, gewin­nen wir alle.

Diese Kolumne ist am 9. August 2016 unter dem Titel "Offen gesagt..." in den Tageszeitungen Freies Wort, Meininger Tageblatt und Südthüringer Zeitung sowie unter inseudthueringen.de erschienen.