Reportage: Sozialkultur in einem zerrissenem Land

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Das sozia­le Netz Ägyp­tens hat gro­ße Löcher. Also regeln die Men­schen selbst, was der Staat ver­säumt: Vie­le jun­ge Men­schen vor allem in Kai­ro enga­gie­ren sich in sozia­len, meist nicht­staat­li­chen Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen.

Politisch kommt Ägypten nicht zur Ruhe. Soziale Missstände treten offen zutage. Aber die Menschen setzen auf Hilfsbereitschaft und engagieren sich sozial. Kairo: Eine Stadt zwischen Angst und Aufbruch.

Gleich­mä­ßi­ges Kla­ckern. Mit ruhi­ger Hand schnei­det Mon­sur das Fleisch klein. Stück für Stück, Kilo für Kilo. Die sur­ren­de Kli­ma­an­la­ge macht es ange­nehm kühl in der klei­nen Küche, sperrt das Wüs­ten­kli­ma aus. Klack! Fer­tig. Nun wan­dern zwei vol­le Eimer in den Neben­raum. Die Köchin war­tet schon unge­dul­dig vor einem Berg wei­te­rer Zuta­ten, schließ­lich sol­len eini­ge Liter Ein­topf an die­sem Tag gekocht wer­den. Die Por­tio­nen wol­len Mon­sur und sei­ne Freun­de an Sup­pen­kü­chen lie­fern. Die vier Jugend­li­chen arbei­ten frei­wil­lig in einer nicht­staat­li­chen Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on, um sich zu enga­gie­ren. Das ist nicht unge­wöhn­lich für jun­ge Leu­te. Gera­de in gro­ßen Städ­ten. Mon­sur und sei­ne Freun­de aber woh­nen in Kai­ro. Das macht vie­les ein gan­zes Stück unge­wöhn­li­cher.

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Viel zu tun: Jun­ge Män­ner sor­tie­ren bei Resa­la die Klei­der­spen­den.

Die tro­cke­ne Hit­ze legt sich schwer auf die stau­bi­gen Stra­ßen der 20-Mil­lio­nen-Metro­po­le, laut hupend quet­schen sich Klein­bus­se an Esels­kar­ren vor­bei, jun­ge Ägyp­ter schlen­dern sel­fie­schie­ßend über die Plät­ze, kichern­de Damen mit bun­ten Kopf­tü­chern set­zen sich farb­lich von den grau­en Fas­sa­den der gigan­ti­schen Wohn­blö­cke ab. Auf den ers­ten Blick scheint hier das all­täg­li­che Leben einer ganz nor­ma­len Haupt­stadt zu pul­sie­ren. Als sei das Land nicht immer noch gebeu­telt von Macht­kämp­fen zwi­schen Mili­tär­re­gie­rung und Volk, als wür­den nicht täg­lich Jour­na­lis­ten und Demons­tran­ten ver­haf­tet, sogar zum Tode ver­ur­teilt. Als herr­sche nach Jahr­zehn­ten der Zer­ris­sen­heit end­lich Frie­den.

Es ist wie ein Expe­ri­ment”, sagt Reham Sal­mi Mehei­sen. “Ein gelun­ge­nes Expe­ri­ment.” Die 33-Jäh­ri­ge ist für die Öffent­lich­keits­ar­beit von Resa­la zustän­dig und bekommt leuch­ten­de Augen, wenn sie über ihre Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on spricht. Seit 17 Jah­ren gibt es das Pro­jekt, 60 Zweig­stel­len exis­tie­ren mitt­ler­wei­le. Her­vor­ge­gan­gen ist es aus einem Zusam­men­schluss von Stu­den­ten der Uni­ver­si­tät Kai­ro. Dar­aus erwach­sen ist die Orga­ni­sa­ti­on Resa­la, die sich mit Tau­sen­den Hel­fern gegen das dürf­ti­ge Sozi­al­netz des Lan­des zu stem­men ver­sucht. Tau­sen­de wie Mon­sur und sei­ne Freun­de.

Das Haupt­haus von Resa­la liegt auf der Ost­sei­te des Nils, neun Kilo­me­ter vom Tahr­ir-Platz ent­fernt. Jenem Ort, der spä­tes­tens mit dem “Tag des Zorns” am 25. Novem­ber 2011 als das Sym­bol für den Ara­bi­schen Früh­ling in Ägyp­ten berüch­tigt gewor­den ist. Noch immer ste­hen dort sta­chel­draht­be­wehr­te Stra­ßen­sper­ren bereit für den Ein­satz, noch immer patrouil­lie­ren schwer bewaff­ne­te Poli­zis­ten rund um die Regie­rungs­ge­bäu­de. Geschäf­tig­keit und Beklom­men­heit beherr­schen den “Platz der Befrei­ung”. Foto­gra­fie­ren ist streng unter­sagt, gera­de für Jour­na­lis­ten.

Das Vier­tel rund um das Resa­la-Gebäu­de ist schmud­de­lig, aber fried­lich. Von außen wirkt das mehr­ge­schos­si­ge Haus nichts­sa­gend, nur der gigan­ti­sche blaue Schrift­zug deu­tet an, was sich im Inne­ren ver­birgt. Eine klei­ne Grup­pe deut­scher Jour­na­lis­ten des Pres­se­netz­werks für Jugend­the­men besucht die Orga­ni­sa­ti­on. Die­ser Ort mutet an wie das Schla­raf­fen­land des Enga­ge­ments, ange­bo­ten wird nahe­zu jede Form der Hil­fe. Alle lächeln, alle haben sich her­aus­ge­putzt für die deut­sche Medi­en-Dele­ga­ti­on. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Aber es wirkt tat­säch­lich fan­tas­tisch. Wie auf den Stra­ßen sind auch hier auf­fäl­lig vie­le jun­ge Men­schen zugan­ge. Kein Wun­der, etwa zwei Drit­tel der ägyp­ti­schen Bevöl­ke­rung sind jün­ger als 35 Jah­re. Die Frei­wil­li­gen sor­tie­ren Klei­dung, bie­ten Com­pu­ter­kur­se für Blin­de an, küm­mern sich um Wai­sen­kin­der, pfle­gen die Alten. Wich­ti­ge Auf­ga­ben in einem Land, des­sen Ein­woh­ner zwar größ­ten­teils sozi­al­ver­si­chert sind, aber viel zu oft durch das sozia­le Netz rut­schen. Etwa 13 Pro­zent der Ägyp­ter sind ohne Arbeit; dass Tou­ris­ten das Land mei­den, macht die Lage für die stark vom Frem­den­ver­kehr abhän­gi­ge Wirt­schaft nicht ein­fa­cher.

Jetzt könn­te man böse behaup­ten, dass Orga­ni­sa­tio­nen wie Resa­la die Drecks­ar­beit und damit Auf­ga­ben über­näh­men, die Ägyp­tens Prä­si­dent Abd al-Fattah as-Sisi schlicht über­sieht. Oder als wenig wich­tig wahr­nimmt. “Wir arbei­ten eng mit dem Sozi­al­mi­nis­te­ri­um zusam­men und bekom­men viel Unter­stüt­zung von den Behör­den”, sagt Mehei­sen schnell. Unge­sagt bleibt, dass sie und ihre Hel­fer ver­su­chen, ihren Mit­men­schen ein halb­wegs wür­de­vol­les Leben zu ermög­li­chen. Dass sie etwas tun, was eigent­lich die Regie­rung tun müss­te.

Es gibt zahl­lo­se die­ser Nicht-Regie­rungs-Orga­ni­sa­tio­nen (NGO) in Ägyp­ten, fast alle set­zen auf die Arbeit von Ehren­amt­li­chen. Was aber bewegt die meist jun­gen Men­schen dazu, sich dort pri­vat zu enga­gie­ren? Hier­zu lohnt ein kur­zer Blick auf die poli­ti­sche Situa­ti­on nach dem “Ara­bi­schen Früh­ling”: 2011 wur­de der lang­jäh­ri­ge Prä­si­dent Hus­ni Muba­rak gestürzt, spä­ter gewan­nen die Mus­lim­brü­der unter Moham­med Mur­si die Prä­si­dent­schafts­wah­len, Demons­tra­tio­nen und ein Mili­tär­putsch been­de­ten deren Regent­schaft — as-Sisi trat auf den Plan. Man­ches scheint moder­ner gewor­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, aber noch immer lei­den die Ägyp­ter unter will­kür­li­chen Ver­haf­tun­gen und der Ver­fol­gung von Anders­den­ken­den.

Kei­ner der neu­en Macht­ha­ber hat das Volk wirk­lich frei­er gemacht. Aber es ging ein Ruck durch das Land. Die Ägyp­ter haben gelernt, dass sie aus eige­nem Antrieb etwas ver­än­dern kön­nen — nicht nur auf dem Tahr­ir-Platz. Ihr Land selbst gestal­ten, es bes­ser machen; das will die neue Gene­ra­ti­on nach Muba­rak. Sie ist ver­netzt in den sozia­len Medi­en und sieht sich — befeu­ert von der Mög­lich­keit, glo­bal Gehör zu fin­den — dazu in der Lage, ihren Unmut in die Welt hin­aus­zu­tra­gen.

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Life­ma­kers”: Noha (links) und Mus­ta­fa bekämp­fen den Analpha­be­tis­mus.

Reli­gi­on, Haut­far­be und Her­kunft spie­len bei uns kei­ne Rol­le — jeder bekommt Hil­fe und jeder darf hel­fen”, sagt Nada El Kha­ly. Sie arbei­tet für Sonaa al-Hayat (“Life­ma­kers”), eine NGO in Alex­an­dria, die sich haupt­säch­lich für Alpha­be­ti­sie­rung ein­setzt und Mikro­kre­di­te ver­gibt. Unab­hän­gig von der Poli­tik wol­le man agie­ren. Zwar teil­ten ihre Mit­ar­bei­ter unter­schied­li­che poli­ti­sche Über­zeu­gun­gen. Den­noch arbei­te­ten sie hier zusam­men, “Hand in Hand”, beschreibt die jun­ge Frau stolz. Das ist für Nada einer der Grün­de, war­um sich vie­le ein­brin­gen wol­len. “Sie kön­nen aktiv mit­ge­stal­ten, die Welt ver­än­dern und ver­bes­sern”, sagt sie. Ohne stän­dig staat­li­che Restrik­tio­nen fürch­ten zu müs­sen. Aus poli­ti­schen Akti­vis­ten wer­den sozia­le.

Wie Mon­sur. Die Sup­pe ist mitt­ler­wei­le fer­tig. Er müs­se nun gehen, die Behäl­ter ver­tei­len, sagt er. Wie­so er das tue? “Ich lie­be mein Land und hof­fe, dass sich bald alles zum Guten wan­delt. Ich kann doch mei­ne Mit­men­schen nicht im Stich las­sen, oder?” Dann steigt er in den Mini­bus und ver­schwin­det im Abend­dunst der Mil­lio­nen­me­tro­po­le.

Dieser Artikel ist am 6. Juli 2016 erschienen in Freies Wort, Seite 4.