Sternenkinder: Wenn der Tod schon vor dem Leben eintritt

Foto: Stephan Großmann

Zu früh

Sie ist überglücklich, als ihre Wehen einsetzen. Doch bei der Geburt stirbt ihr Sohn – übrig bleiben Trauer und die Erinnerung an ihr Sternenkind.

Es soll eigent­lich die schöns­te Zeit ihres Lebens wer­den. Es ist für Sep­tem­ber ein ver­hält­nis­mä­ßig tro­cke­ner und son­ni­ger Sonn­tag, als die Wehen ein­set­zen. Lan­ge hat­te Chris­tia­ne Mül­ler (den Namen habe ich geän­dert) die­sen Moment her­bei­ge­sehnt. Sie schnappt sich die bereits vor Wochen vor­be­rei­te­te Kli­nik­ta­sche und fährt mit ihrem Lebens­ge­fähr­ten ins nahe gele­ge­ne Kli­ni­kum. Doch statt als glück­li­che Fami­lie nach Hau­se zurück­zu­keh­ren, erlebt sie einen Alp­traum, der noch bis heu­te andau­ert.

Bis zum Tag der Geburt ver­läuft die Schwan­ger­schaft von Chris­tia­ne Mül­ler nor­mal. Die Freu­de ist uner­mess­lich, schließ­lich muss­te sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bereits mit zwei Abgän­gen fer­tig wer­den. Nun also soll das Glück per­fekt wer­den. Die Wehen set­zen ein, gemein­sam mit den Heb­am­men ent­schei­det sie sich – wie vie­le ande­re Frau­en – für eine PDA (Peri­du­ral­an­äs­the­sie). Doch etwas stimmt mit ihrem Baby nicht, die Herz­tö­ne wer­den schwä­cher, dann bes­sern sie sich wie­der. Mehr­fach geht es auf und ab. „Man sag­te mir, einen Not­kai­ser­schnitt anset­zen zu müs­sen, falls es so wei­ter­geht“, erzählt sie. Doch die Geburts­hel­fer beru­hi­gen sie, alles sei wie­der nor­mal. Plötz­lich ist alles sehr hek­tisch im Kreiß­saal – doch davon bekommt Chris­tia­ne Mül­ler schon gar nichts mehr mit.

Als sie auf der Inten­siv­sta­ti­on erwacht, regis­triert sie nur lang­sam, wo sie ist. Wäh­rend der Geburt war ihre Gebär­mut­ter geris­sen. Sie selbst über­lebt den Not­fall zwar, ihr Kind nicht. Eini­ge Stun­den spä­ter sitzt ihr Lebens­ge­fähr­te an ihrem Bett und hält zit­ternd ihre Hand. Ihm obliegt die schwe­re Auf­ga­be, ihr die schreck­li­che Nach­richt zu über­mit­teln. Erneut wird ihr schwarz vor Augen.

Das ist mehr als fünf Jah­re her. Aber gibt es eine Span­ne, in der Zeit Wun­den wirk­lich heilt? „Ob ich mei­nen Ver­lust ver­kraf­tet habe?“ Chris­tia­ne Mül­ler denkt kurz nach und ver­sucht gar nicht erst, ihre Trä­nen zu unter­drü­cken. „Man lernt, damit umzu­ge­hen“, sagt sie schließ­lich. Leicht sei das aber nicht. Sie und ihr Part­ner hat­ten das Haus schon kin­der­si­cher umge­stal­tet und das Kin­der­zim­mer kom­plett ein­ge­rich­tet.

Sie woh­nen in einer klei­nen Gemein­de bei Lich­ten­fels, stän­dig wer­den sie auf das The­ma ange­spro­chen. Zeit­wei­se ist es für sie so schlimm, dass sie nur das Haus ver­lässt, wenn es unbe­dingt not­wen­dig ist. „Wie soll­te ich das auch erklä­ren? Vor eini­gen Tagen stand ich noch mit Kugel­bauch beim Bäcker. Und dann kom­me ich ohne Kind zurück?“, erzählt sie. Noch heu­te ant­wor­tet sie manch­mal mit Ja auf die Fra­ge, ob sie Kin­der hät­te. „Je nach­dem, wie ich mich gera­de füh­le.“

Als Ster­nen­kin­der wer­den ursprüng­lich Kin­der bezeich­net, die mit einem Gewicht von weni­ger als 500 Gramm vor, wäh­rend oder nach der Geburt verster­ben. Betrof­fe­ne Eltern ver­wen­den den Begriff Ster­nen­kind auch für Kin­der, die mit einem höhe­rem Geburts­ge­wicht ster­ben. Seit 2013 haben Eltern von tot gebo- renen Kin­dern auch rück­wir­kend und unab­hän­gig von ihrem Geburts­ge­wicht – das Recht, die­se stan­des­amt­lich ein­tra­gen zu las­sen.

Wie es auch Chris­tia­ne Mül­ler getan hat. In ihrem Wohn­zim­mer steht zudem ein Bild des Jun­gen in der Schrank­wand. So hat sie ihren Sohn immer im Blick und kann ihm stets nahe sein. Dass er zum Zeit­punkt der Auf­nah­me bereits tot ist, kann man auf dem Foto nicht erken­nen. Aber das ist auch nicht wich­tig. „Unser Sohn gehört zu uns, egal wo er gera­de ist.“ Zumal sie bis heu­te auch nicht um das The­ma her­um­kommt. Weil sie nicht ver­hei­ra­tet sind, muss ihr Lebens­ge­fähr­te bei­spiels­wei­se post­hum die Vater­schaft anmel­den. Hin­zu kom­men unzäh­li­ge Behör­den­gän­ge und ein nicht enden wol­len­der Schrift­ver­kehr. „Das The­ma begeg­net uns bei­na­he täg­lich, was es immer noch schwer für uns macht.“

Das fer­tig ein­ge­rich­te­te Kin­der­zim­mer bleibt noch lan­ge unbe­rührt. Aber irgend­wann muss Chris­ti­ne Mül­ler Wickel­tisch und Wie­ge aus dem Haus räu­men. „Ich bin ein Mensch, der sich mit den Din­gen kon­fron­tiert“, sagt sie. Das muss sie auch. Vor zwei Jah­ren hat sie einen Zusam­men­bruch und wird in die psych­ia­tri­sche Kli­nik nach Kut­zen­berg ein­ge­lie­fert. „Es wur­de mir zu viel“, erzählt Chris­tia­ne Mül­ler. Seit ihrem Ver­lust ist sie psy­chisch nicht mehr so stark belast­bar. Schlimm wird es zum Bei­spiel dann, wenn sie Schwan­ge­ren begeg­net oder spie­len­de Kin­der sieht.

Halt fin­det sie zum einen in ihrer Part­ner­schaft. „Vie­le Paa­re tren­nen sich nach einem Ster­nen­kind“, erzählt sie. Zwar war es auch für ihre Bezie­hung ein lan­ger und beschwer­li­cher Weg. Vor allem des­halb, weil sie und ihr Part­ner unter­schied­li­che Wege such­ten und fan­den, um mit der Trau­er umzu­ge­hen. Noch heu­te führt das The­ma schnell zu Span­nun­gen, auch weil sie mehr dar­über reden möch­te als er. Aber sie haben es geschafft.

Damals begibt sie sich vor­über­ge­hend, wie auch seit 2016 wie­der, in psy­cho­lo­gi­sche Betreu­ung. Gro­ßen Halt fin­det Chris­tia­ne Mül­ler dar­über hin­aus in der Selbst­hil­fe­grup­pe Ster­nen­kin­der in Kro­nach. Lan­ge über­legt sie, zu einem der Tref­fen zu gehen. Schluss­end­lich ent­schei­det sie sich dafür. „Es gibt einen geschütz­ten Raum, in dem wir alle über unse­re Gefüh­le reden konn­ten“, erzählt sie. Die Frau­en tref­fen sich ein­mal im Monat, um sich gegen­sei­tig beim Trau­ern zu unter­stüt­zen. „Sie haben mich damals auf­ge­fan­gen, als es mir rich­tig schlecht ging“, so Mül­ler.

Ob sie es denn noch ein­mal ver­su­chen wol­le, Kin­der zu bekom­men? „Nein“, sagt sie bestimmt. Zwar wäre sie von der kör­per­li­chen Ver­fas­sung rein theo­re­tisch dazu in der Lage. Aber die­sem Druck und der erneu­ten Angst kann und will sie sich nicht noch ein­mal aus­set­zen. Außer­dem, so sagt sie, habe sie ja einen Sohn.

Erschie­nen ist der Text als Teil der NP-Serie “Fami­li­en­zeit” unter www.np-coburg.de.