Kirche im Dorf lassen?

 

Das Erzbistum Bamberg ändert seine Struktur. Der Grund: zu wenige Pfarrer. Die Auswirkungen für die 36 000 Katholiken im Kronacher Landkreis schmecken nicht jedem.

Kro­nach — Die katho­li­sche Kir­che erfin­det sich aktu­ell neu. Zumin­dest ihre pas­to­ra­len Struk­tu­ren. Die Aus­wir­kun­gen die­ses „Struk­tur­pro­zes­ses“, wie er offi­zi­ell genannt wird, betref­fen jede der fast 370 Pfar­rei­en im Erz­bis­tum Bam­berg. Das schließt die 36 000 im Land­kreis Kro­nach leben­den Katho­li­ken mit ein. Die Ände­run­gen betref­fen Got­tes­diens­te, Got­tes­häu­ser und Pfarr­bü­ros. Und mit­un­ter krat­zen sie auch an lieb­ge­won­nen Tra­di­tio­nen.

Der von Erz­bi­schof Lud­wig Schick ange­sto­ße­ne Pro­zess sieht vor, flä­chen­de­ckend neue Seel­sor­ge­be­rei­che zu eta­blie­ren. Die­se müs­sen in städ­ti­schen Gebie­ten künf­tig min­des­tens 17 000, im länd­li­chen Bereich min­des­tens 12 000 Katho­li­ken errei­chen und ein Team von min­des­tens fünf haupt­amt­li­chen Seel­sor­gern (Pries­ter, Dia­ko­ne, Pas­to­ral- und Gemein­de­re­fe­ren­ten) umfas­sen. Der Grund für den Reform­be­darf ist ein­fach: Die Zahl der Pfar­rer geht immer wei­ter zurück.
Was dort, im fer­nen Bam­berg, mit weit­rei­chen­den Fol­gen bis in den Fran­ken­wald beschlos­sen wor­den ist, schmeckt nicht jedem. Etwa Ben­ja­min Bai­er aus Buch­bach. Er, der dort als stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der im Pfarr­ge­mein­de­rat sitzt, sieht sich und sei­ne Gemein­de als einen der Ver­lie­rer des Pro­zes­ses. Vor allem fühlt er sich nicht aus­rei­chend infor­miert. Des­halb bekommt er den Ein­druck, dass „die­ser Pro­zess, wel­cher von der kirch­li­chen Lei­tung als offen, trans­pa­rent und part­ner­schaft­lich ange­prie­sen wird, zu einer ver­wal­tungs­tech­ni­schen Ent­schei­dung ein­zel­ner Man­datsrä­ger“ wür­de. „Das ist Augen­wi­sche­rei“, so Bai­er.

Buch­bach gehört wie zehn ande­re Gemein­den zum Deka­nat Teu­schnitz. Die­ses zählt aktu­ell etwa 9500 Katho­li­ken und wäre dem­nach zu klein für die neue Diö­ze­san-Norm von 12 000 Per­so­nen. Das heißt, ande­re Gemein­den müss­ten sich einem etwai­gen neu­en „Seel­sor­ge­be­reich Teu­schnitz“ anschlie­ßen. Inter­es­siert wäre der Pfar­rei­en­ver­bund Obe­res Rodach­tal (ohne Wal­len­fells und Neu­fang, die Kro­nach wol­len). Das Pro­blem: Das Deka­nat Teu­schnitz mag nicht so recht. „Die Teu­schnit­zer wür­den am liebs­ten unter sich blei­ben“, erklärt Regio­nal­de­kan Tho­mas Teuch­grä­ber, der zugleich als Stadt­pfar­rer in Kro­nach tätig ist. Prin­zi­pi­ell sei die­ser Pro­zess zwar offen gestal­tet und jeder dür­fe sei­ne Wün­sche aus­drü­cken, ergänzt er. „Aber der Bischof hat sich klar aus­ge­drückt: Es gibt kei­ne Aus­nah­men von vorn­her­ein.“

So wird das Teu­schnit­zer Votum gegen einen Zusam­men­schluss nicht viel brin­gen, denn die Direk­ti­ve zum Zusam­men­schluss kommt von ganz oben. Wer mit wem, ist dem Erz­bi­schof egal, solan­ge es inner­halb der Diö­ze­san­gren­zen bleibt. Und bis zum Som­mer soll­ten die Pfar­rei­en zuein­an­der gefun­den haben. Für Regio­nal­de­kan Teuch­grä­ber ein mach­ba­res Ziel: „Das soll­te doch mach­bar sein“, sagt er.

Sobald die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur dann wie geplant ver­än­dert und aus­rei­chend ver­schlankt wor­den ist, wer­den laut Bai­er Orte wie Buch­bach leer aus­ge­hen. „Unser Pfarr­sitz wird dann viel­leicht in Teu­schnitz oder Stein­bach am Wald lie­gen“, so Bai­er. Gläu­bi­ge müss­ten kilo­me­ter­weit fah­ren, um einen pas­to­ra­len Ansprech­part­ner zu fin­den oder um einen von einem Pfar­rer gelei­te­ten Got­tes­dienst zu erfah­ren, moniert er. Haben nicht alle das Recht auf eine „hei­li­ge Mes­se“?, fragt er. Für ihn ste­he fest: „Der Ver­lie­rer ist mal wie­der der Land­kreis­nor­den“.

Nicht ganz so nega­tiv blickt Tho­mas Teuch­grä­ber in die Zukunft. Solan­ge die Struk­tu­ren wei­ter den Bot­schaf­ten dien­ten, blei­be er zuver­sicht­lich. „Wir wol­len, dass in unse­rer Regi­on immer Got­tes­diens­te gefei­ert wer­den kön­nen“, sagt er. Dass es per­spek­ti­visch immer weni­ger Pfar­rer wer­den, bedaue­re er, meint aber: „Ein Haupt­amt­li­cher ist nicht aus­schlag­ge­bend für die Seel­sor­ge“. Wort­got­tes­diens­te zum Bei­spiel könn­ten eine gute Alter­na­ti­ve dar­stel­len, so Teuch­grä­ber. Schaf­fen es die Gemein­den dann noch, sich selbst zu orga­ni­sie­ren, müs­sen sie auch nicht fürch­ten, dass ihre Got­tes­häu­ser ver­wei­sen. Aber etwas Eigen­in­itia­ti­ve kön­ne man den Gläu­bi­gen schon zutrau­en, fin­det er.

Zumal es ja auch Ver­bes­se­run­gen geben sol­le, sobald die neu­en Seel­sor­ge­be­rei­che ein­ge­rich­tet sind. Wie sich die­se in der Pra­xis kon­kret aus­wir­ken, lässt sich im Moment nur schwer abschät­zen. Am 29. Sep­tem­ber 2019 soll die neue Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur am Otto­tag in Bam­berg offi­zi­ell bestä­tigt wer­den. Bis dahin haben die Geist­li­chen noch Zeit, Kon­zep­te für eine attrak­ti­ve Seel­sor­ge auch unter neu­en ver­wal­tungs­tech­ni­schen Vor­zei­chen zu erar­bei­ten.

 

Mein Kommentar zum Thema:

Was auch immer die „Anpas­sung der pas­to­ra­len Struk­tu­ren“ für die Gläu­bi­gen im Fran­ken­wald brin­gen mag, den Ursprung des Pro­blems wer­den sie nicht besei­ti­gen: den Man­gel an Nach­wuchs­pfar­rern.
Die katho­li­sche Kir­che hat es in den ver­gan­ge­nen Jahr(hundert)en ver­passt, ein dyna­mi­scher, fri­scher und hip­per Arbeit­ge­ber zu wer­den, der aus­rei­chend Jun­ge zur Pries­ter­wei­he bewe­gen kann. Grün­de dafür mögen etwa sein, dass inne­re Span­nun­gen um den Grad der kon­ser­va­ti­ven Aus­rich­tung nicht enden wol­len oder dass aktu­ell sechs von zehn Deut­sche an gar kei­nen Gott glau­ben. Eines aber wür­de jun­gen Män­nern mit Seel­sor­ge-Ambi­tio­nen den Gang zur katho­li­schen Kan­zel sicher wie­der schmack­haft machen: Die kaum noch halt­ba­re Tra­di­ti­on des Zöli­bats auf­zu­ge­ben und Pfar­rer ganz Mensch sein zu las­sen.

 

Erschie­nen ist der Text am 19. April 2018 unter www.np-coburg.de.