Von der Schulbank in den Rathaussaal

Nico Langguth macht etwas, was nicht viele Leute in seinem Alter tun: Er sitzt als gewählter Vertreter in einem städtischen Parlament und darf mit entscheiden über die Belange seiner Mitbürger. Große Verantwortung für einen 20-Jährigen.

Son­ne­berg - Die Auf­re­gung war ihm auf jeden Fall anzu­mer­ken. Kein Wun­der: Mit leicht zit­tern­den Hän­den ist Nico Lang­guth Ende Janu­ar die Stu­fen des Son­ne­ber­ger Rat­hau­ses hoch­ge­lau­fen, hat den Sit­zungs­saal betre­ten und zum ers­ten Mal Platz genom­men. In dem Raum, wo die gewähl­ten Ver­tre­ter der Stadt bera­ten, dis­ku­tie­ren, abstim­men. 30 Namens­schil­der ste­hen auf den Tischen, 30 Stadt­rä­te küm­mern sich um die Belan­ge der eins­ti­gen Spiel­zeug­stadt. Und nach­dem Nico Lang­guth den Eid vor der Bür­ger­meis­te­rin gespro­chen hat­te, war er einer von ihnen.

Schul­netz­pla­nung, Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung, Nach­trags­haus­halt, Thü­rin­ger Gemein­de­ord­nung: Mit die­sen und vie­len wei­te­ren Din­gen wird sich der erst 20-Jäh­ri­ge in den kom­men­den Jah­ren beschäf­ti­gen dür­fen. “Ich bin ger­ne ange­tre­ten bei den Kom­mu­nal­wah­len 2014, habe mir aber selbst gar kei­ne gro­ße Chan­ce ein­ge­räumt”, sagt Lang­guth. Sein Vor­gän­ger von den Bünd­nis­grü­nen leg­te vor Kur­zen sein Amt nie­der, nun besetzt er den ein­zi­gen Sitz von des­sen Par­tei im Stadt­rat.

Doch Volks­ver­tre­tung ist nicht sei­ne ein­zi­ge Tages­auf­ga­be. Nico Lang­guth besucht der­zeit die 13. Klas­se der Staat­li­chen Berufs­bil­den­den Schu­le in Son­ne­berg, möch­te bald sein Abitur sowie sei­nen Abschluss in Tech­nik und Gestal­tung in der Tasche haben. “Klar”, sagt er, habe er im Moment rich­tig viel zu tun. Fürs Abitur pau­ken, Sit­zungs­un­ter­la­gen stu­die­ren. Denn er müs­se the­ma­tisch viel nach­ho­len, was die poli­ti­schen Belan­ge in sei­ner Hei­mat­stadt betrifft. “Und jetzt auch noch Inter­views geben”, lacht er. “Aber ich schaf­fe das!”

Nico Langguth: 

"Ich findet das gut, wenn sich junge Leute politisieren. Viel zu viele haben keine Ahnung."

Er selbst gehört kei­ner Par­tei an, hat sich aber bei den Wah­len auf der Lis­te der Grü­nen ein­tra­gen las­sen. War­um er kein Par­tei­buch unter­zeich­ne? “Das kommt nicht in Fra­ge! Es gibt kei­ne ein­zi­ge Par­tei, mit der ich hun­dert­pro­zen­tig ein­ver­stan­den bin”, so Lang­guth. Die Grü­nen sei­en ihm damals auf kom­mu­na­ler Ebe­ne noch am meis­ten sym­pa­thisch gewe­sen. Ganz ande­re Töne schlägt er an, wenn es um deren Lan­des- und Bun­des­po­li­tik geht. “Das geht teil­wei­se gar nicht.” Des­halb zie­he er es vor, sich frei inner­halb der Par­tei­en­land­schaft zu bewe­gen.

Etwas tur­bu­lent hat­te die Amts­zeit des Nach­rückers begon­nen; gleich in sei­ner ers­ten Sit­zung muss­te er sich wegen eines miss­ver­ständ­li­chen Pos­tings auf Face­book recht­fer­ti­gen. Aber sol­che Din­ge gehö­ren dazu, wenn man plötz­lich in der Öffent­lich­keit steht. Mit der Ver­ant­wor­tung wächst auch die Zahl der Augen­paa­re, die einen fest im Blick haben. Auch weil er optisch auf­fällt, mit sei­nen gefärb­ten Haa­ren und den vie­len Pier­cings nicht dem Bild eines Null­acht­fünf­zehn-Poli­ti­kers ent­spricht. Hin­zu kommt sein Alter — mit sei­nen 20 Jah­ren ist er der jüngs­te Rat­haus­ver­tre­ter in ganz Süd­thü­rin­gen.

Für sei­ne Amts­zeit hat er aber eini­ge Zie­le for­mu­liert. Er möch­te die Jugend­kul­tur mehr för­dern. Das, so Lang­guth, sei in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu sehr ver­nach­läs­sigt wor­den. Ein selbst ver­wal­te­tes Haus in Stadt­nä­he könn­te er sich gut vor­stel­len; einen Raum, in dem die jun­gen Leu­te eigen­ver­ant­wort­lich Kon­zer­te orga­ni­sie­ren, zusam­men kochen, sich ken­nen ler­nen. Außer­dem möch­te er sich dafür ein­set­zen, dass die Vor­be­hal­te gegen­über Asyl­be­wer­bern und Aus­län­dern all­ge­mein ver­schwin­den, ein bes­se­res Zusam­men­le­ben mög­lich wird.

Kon­kret wird er, wenn es um die geplan­te Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung für Asyl­be­wer­ber im bevöl­ke­rungs­rei­chen Son­ne­ber­ger Stadt­teil Wol­ken­ra­sen geht. “So eine Ein­rich­tung ist nichts für die Dau­er, aber es funk­tio­niert eben schlecht, am Anfang gleich alle dezen­tral unter­zu­brin­gen”, sagt er. Wie die Obe­ren aus Stadt und Land­kreis mit dem Kom­plex umge­hen, fin­det er nicht gut. Man müs­se einen gemein­sa­men Weg fin­den, mit die­ser Situa­tio­nen klar­zu­kom­men, sagt er. Denn schließ­lich “hat jeder das Recht auf einen Asyl­an­trag”.

Wich­tig ist es Lang­guth, auf die Gefah­ren hin­zu­wei­sen, die von Rechts­ex­tre­mis­ten aus­ge­hen. Solch ein Schlüs­sel­er­leb­nis führ­te einst sogar dazu, dass er sich fort­an poli­tisch enga­gie­ren woll­te. “Mein dun­kel­häu­ti­ger Freund wur­de damals in Son­ne­berg von einem stadt­be­kann­ten Neo­na­zi ange­macht”, erzählt er. “Es stan­den vie­le Leu­te außen rum, aber kei­ner hat­te die Cou­ra­ge, ein­zu­schrei­ten, mei­nem Freund bei­zu­ste­hen.” Ab die­sem Moment war ihm klar, sich ein­set­zen zu müs­sen.

Dass sich Jugend­li­che poli­tisch inter­es­sie­ren und aktiv ein­brin­gen, ist noch immer rela­tiv sel­ten in der Regi­on. Das könn­te sich ändern: Seit Novem­ber 2015 dür­fen 16-Jäh­ri­ge in Thü­rin­gen (auf kom­mu­na­ler Ebe­ne) wäh­len, seit ein paar Mona­ten gibt es in Son­ne­berg ein offi­zi­el­les Jugend­par­la­ment. “Ich fin­de das gut, wenn sich jun­ge Leu­te poli­ti­sie­ren”, sagt Lang­guth, “viel zu vie­le habe kei­ne Ahnung und kei­ne Lust”. Bei einem Jugend­par­la­ment hät­te er auch ger­ne mit­ge­mischt, dafür sei es aber ein paar Jah­re zu spät instal­liert wor­den. Macht nichts, immer­hin darf er jetzt bei den Gro­ßen mit­spie­len.

Was sei­ne poli­ti­sche Zukunft in Son­ne­berg bringt, kann er im Moment nicht beant­wor­ten. Ob und wel­che Frak­tio­nen für ihn in Fra­ge kom­men, mit wem Debat­ten beson­ders hit­zig wer­den und mit wem er the­ma­tisch zusam­men arbei­ten kann, wird sich erst mit der Zeit zei­gen. Auf jeden Fall wird er wäh­rend sei­ner zwei­ten Sit­zung nicht mehr ganz so auf­ge­regt sein wie bei sei­nem ers­ten Gang in den gro­ßen Saal. Denn jetzt ist er ja schon ein rich­ti­ger Stadt­rat.